2025-01-01-Chorisches – Meisterlesung – kleine Rose – Dasein – doch kein sturmfrei + Weltliches

Beim Jahresauftaktschreiben hatte ich großspurig gesagt, dass ich Chorstoff nicht üben muss. Das geht mir nach. Ich ergänze: Wir singen keine großen Werke, sondern Lieder, mehr oder weniger bekannt bzw anspruchsvoll. Da wir nach Notenblättern singen besteht kein Anlass, auswendig zu „lernen“. Nach einem Dreivierteljahr kenne ich langsam das Singverhalten der anderen. Der Sopran ist nur zweifach besetzt. Manchmal geht eine aus dem Alt zur Verstärkung zum Sopran. Diesmal fehlte die, der es entweder zu hoch, meist aber zu tief ist. Die andere, stets unsicher-verzweifelt, sagt bei allem, sie habe „noch Schwierigkeiten“ und kenne ja die Melodie „noch nicht“, ob man nochmal ihre Sopranlinie „üben“ könne. Auch wenn wir das schon mehrfach getan haben, hat sie sich diesmal (ohne die andere) dermaßen angestellt, dass ich langsam an ihrem Verstand zweifle. Was ein „da capo“ heißt ist ja in einem Chor irgendwann bekannt, wo es wann wieder losgeht usw. Keine Erklärung wirkte dieser Orientierungslosigkeit entgegen. Geht das vielleicht Richtung Demenz? Daran, dass links neben mir die silbrige, herrliche Altistin singt und rechts ein einzelner Tenor, der sicher, wenn auch nicht besonders schön singt, hat sich nichts geändert. Alle singen prima, niemand patzt, und meine Nebenfrau überstrahlt uns alle. Ich singe – das habe ich falsch gesagt – nicht „beim Tenor“. Mal singen wir nur zweistimmig (v.a. wenn der Sopran alle aufhält), dann bin ich im Alt und der Mann singt eine Oktave tiefer mit; bei dreistimmig schließe ich mich ihm an, singe aber meist eine Oktave höher als er. Manchmal muss ich innerhalb eines Liedes springen.

Dienstag Wilhelm-MeisterInnen-Tag. Nächstes Mal jährt sich unser „Projekt“ erstmals. Susanne brütet an einer Grippe, daher „nur“ zu sechst: bei Martha. Warm und vertraut in dieser Runde – ich fühle mich reich.

Donnerstag Stammtisch „Kleine Rose“, die ich die letzten Male abgesagt habe. Widerstand; stets auch Trigger für meine Hospizwunde. Eine alte Verbindung – also gehe ich. Und sieheda – dann doch recht schön!

Zuletzt bin ich innerlich nur noch auf den Samstag zugegangen, mit jeder Faser von dem Einen durchdrungen. Skript fertig, Material bereit – Schlüssel holen, Raum vorbereiten – Gedanken daran bis in den Traum. Immer wieder wie beim Kaiser und dem Hahn. Auch hier fließt mein „Alles“ ein, ein ewiges innerliches Bewegen – im Ringen um ein Gegenmodell oder besser: eine Ergänzung zum Üblichen. Auch das jetzt gängige „Format“ ist das Ergebnis eines über dreißigjährigen Prozesses, an dem viele beteiligt waren. – Jetzt ist es vorbei. Ich bin zufrieden, erfüllt, beflügelt, aber wie immer platt nach so einem Tag. Eines ist gewiss: Niemals habe ich vergleichbar persönliche, fantasievolle, „praktische“, originelle, spirituelle und wahrhaftige Wünsche, Bitten und Appelle an diejenigen zu Gesicht bekommen, für die das bestimmt ist, wenn wir uns nicht mehr äußern können. Dieses optionale Blatt bleibt bei wenigstens 90 % der Patientenverfügungen leer. Ich denke jede (incl. mir) hat jetzt etwas Taugliches in der Hand, was sich – ins Reine geschrieben, ausbau- und verfeinerungsfähig – verwenden lässt.

Eigentlich sollte ich seit Samstag früh sturmfrei haben, bis Donnerstag. Es kommt anders. Jakob ist seit Freitag Nacht bis Sonntag Abend hier und doch nicht hier – gesehen habe ich ihn bisher kaum. Michaels Vorhaben in Köln hat sich zerschlagen. – So kommt er Sonntag abend zurück. Ich habe diverse Pläne. Entscheidend ist „inhouse“. Um nicht absagen zu müssen werde ich Michael an die Luft setzen müssen. Lieber wäre es mir anders. Michael ist entsetzt, dass ich mir deshalb immer Stress mache. Das soll anders werden.

Ein paar Geiseln werden gegen viele Palästinenser „ausgetauscht“. Trump schaltet und waltet. Merz gescheitert – leider (noch) nicht auf ganzer Linie. Ich würde ihm keine Träne nachweinen. – Diese Woche extrem ferngesehen, den Holocaust mit in den Schlaf genommen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Ich brauche im Chor immer jemanden, der mit mir den Sopran singt. Alleine wäre ich verloren, da fehlt mir die Sicherheit. Die intensive Vorbereitung und jahrelange Beschäftigung mit dem Thema Sterben konnte in dein Seminar einfließen und hat reiche Früchte erbracht. Scheinbar haben sich die Teilnehmer davon berühren lassen. Sturmfrei wird inzwischen zur Seltenheit, auch bei dir.

  2. Beate sagt:

    wenn ich lese, dass ein Sopran fehlt, habe ich fast Lust, auch dabei zu sein. ich habe immer mühelos sehr hoch singen können, aber das ist jetzt auch schon fünf Jahre her, seit ich das letzte Mal im wunderbaren Chor mutgeträllert habe…
    Dass das Konzept deines Seminars so viele Jahre gereift ist, war spürbar, es ging sicher allen anderen auch so: Was für wunderbare Impulse, was für ein tiefer spiritueller Geist hat uns alle beseelt, so viel Tiefe und so viele kostbare Gedanken wurden entwickelt! Danke noch einmal, es klingt in mir noch nach…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert