2025-02-08- 17000 Tagebuchseiten – Valentin + Shakespeare – neues Leseverhalten + kranke Kehle – Thomas, Susanne + Beate – Durchhänger

Mittwoch, höchste Zeit, anzufangen, wenn nicht alles entschwinden soll. Ist etwas wichtig, wenn es entschwindet? Oder leistet das löchrige Gedächtnis uns einen wichtigen Dienst wie beim Träumen? Gerade hatte ich in Bothos Strauß‘ Erzählung „Die Widmung“ über einen gewissen Amiel um Mitte des 19. Jahrhunderts gelesen, in dessen Nachlass ein Tagebuch von 17.000 Seiten gefunden wurde – „der einzige und unbestrittene Experte auf dem Gebiet seiner Person“ – der, wenn er gekonnt hätte, „noch seinen letzten Atemzug“ mitgeschrieben hätte.

Nachdem Jakob am Sonntag Zeit für ein ausgedehntes Frühstück aufgebracht hat verstrich mein Tag ohne weitere Erinnerung, bis abends Michael zurückkam und Jakob nur noch für einen letzten Tee, bevor er zum Zug eilte. Meine geplante Taizéandacht im Spirituellen Zentrum St. Martin habe ich wegen Erschöpfung und Kälte ausfallen lassen – ich hoffe, das in vier Wochen nachzuholen. – Montag Chor – einerseits wie immer toll. Andererseits stelle ich in letzter Zeit regelmäßig diesen Schmerz in der Kehle fest, manchmal schon nach kurzer Zeit, beinahe so, als könnte ich gleich keinen Ton mehr rauskriegen. Nicht die bekannte Heiserkeit durch den Stimmlippenspalt, mit dem die meisten von uns ab einem bestimmten Alter Bekanntschaft machen. Das hier ist etwas anderes. Ich habe – aus Sorge, nicht mehr singen zu können – einen HNO-Termin gemacht, zumal es über Tage nicht vergeht. Hoffentlich gibt es Hilfe! – Nach dem Chor meinen geliebten Thomas im Myshkin getroffen, wie immer „tiefschürfend“, dabei von seiner Unkompliziertheit und Bescheidenheit lernend. – Dienstag Häuslichkeit. Diese Kälte!! Susanne kam – wegen vermeintlicher Sturmfreiheit hierher verlegt – Michael ging – Frühstück mit Shakespeare. Wir vergleichen unsere grundverschiedenen Hamletübersetzungen (ihre Frank Günther, meine Schlegel). Inzwischen habe ich mir noch eine von Erich Fried kommen lassen. – Später bin ich durch ein Telefonat mit Beate auf etwas gestoßen, wofür ich angemeldet war, aber keine Bestätigung erhalten und es insofern vergessen hatte. Ein Vortrag („die rote Zibebe“) ihrer Freundin Sabine zu Valentin in Bezug auf seine Zeitgenossen im Interimsquartier am Beethovenplatz. Das war toll – ganz besonders durch die Lesung des „Christbaumbrettls“ durch Michael Lerchenberg: sensationelle schauspielerische Sprechkunst. – Mittwoch entfallen; lediglich einmal raus, im Gerners reservieren und danach miserabel im Augustiner essen, unterwegs zufällig Renate getroffen!

Meine Lesekrise endet nicht wie erwartet, sondern scheint in neue Fahrwasser zu münden. Alles, was mich aufgeschlagen umringt, lässt mich unbeteiligt. Stattdessen greife ich wieder zu „Dichtung und Wahrheit“, was Wilhelm Meister umrahmt oder umrahmen könnte (teilweise interessant, teilweise langweilig). Der aktuelle Ausflug zu Shakespeare hat auch den Anstoß bei Wilhelm gefunden, der bei der letzten Gemeinschaftslesung (durch Jarno) in dessen Welt entführt wird. Es ist, als hätte die Pause mir zu dem verholfen, was ich gerade wirklich will im undurchdringlichen Dschungel an Möglichkeiten. Selbst wenn ich mich (oder man sich) auf den engsten Kreis dessen beschränken würde, was durch WM ausgelöst wird, würde ein Menschenleben nicht ausreichen. Unterdessen webt mein Inneres also am Kosmos, den Wilhelm eröffnet; andererseits nimmt das kontinuierliche Lesen am „Herrn der Ringe“ die Gestalt einer neu zu etablierenden Gewohnheit an, die eine neue Qualität ins Zusammenleben bringt – ganz zu schweigen von all den möglichen Folgelektüren, die uns inzwischen einfallen, sodass wir dafür noch viele Jahrzehnte Lebenszeit bräuchten. Momentan muss Michael mehr vorlesen, weil ich meine Stimme schone. – Unterdessen streckt mich ein Durchhänger nieder. Keine Menschenseele rührt sich, und ich umgekehrt auch nicht; letzteres wäre, so mein Über-Ich, ein „BENUTZEN“. So schleppe ich mich herum. Heute habe ich – nichts liegt mir ferner! – allein einen Spaziergang im Oympiapark gemacht und sieheda, es war gar nicht schlimm. Die Sonne lacht und alles, was Beine hat, ist unterwegs.

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3 Antworten

  1. Ines sagt:

    Eigenartig. Ich lese von lauter Verabredungen und kulturellen Ereignissen. Da passt der Durchhänger und dass sich niemand meldet überhaupt nicht dazu. Das mit der Stimme ist wirklich besorgniserregend. Gut, dass du beim HNO einen Termin ausmachen konntest.

  2. Renate sagt:

    Kann dein Stimmproblem an deiner Atemtechnik liegen? Aufraffen und losgehen. Du konntest dem Spaziergang sogar etwas abgewinnen. Sonst klingt deine Woche nach viel, da darf ein Durchhänger sein, der scheinbar auch schon wieder vorbei ist.

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