2025-06-30- Erfüllt UND lädiert von Berlin und Familie, ungewohnten PaareAbenden, beseelt von AufBruch + Ensemble

Gottlob zurück. Vier Tage Berlin haben gezeigt, dass mich meine Füße nicht mehr durch Japan tragen werden. Leider hatte ich auch einen Sturz und ein Bein ist grün, blau, schwarz und wahnsinnig geschwollen – ein Schock und auch sehr peinlich.

Der Reihe nach. Letzten Sonntag waren wir bei André und seinem Mann. Zehn Jahre bin ich nie mitgegangen, konnte nicht, wollte nicht. Oft sind das Essenseinladungen mit Menschen, mit denen ich nie warmgeworden bin bzw sie mit mir. Diesmal hatte ich spontan zugesagt. Ein wunderschöner Abend mit Nachhall auf der riesigen, begrünten Dachterrasse unterm Sternenzelt. André hatte ich (noch mit Peter) kennengelernt und erst später erfahren, dass er und Michael eine Zeit zusammengehört haben.

Am Montag Chor, Aufräumen und Packen. – Abfahrt Dienstag Vormittag – gemütlich und reibungslos. Nach Einzug ins Hotel abendliches Treffen bis Mitternacht mit Michaels Freund Thomas, dessen LGin „es sich nicht nehmen lassen wollte“, also kam auch ich mit – der zweite, aus unserem Rahmen fallende PaareAbend innerhalb von Tagen. Natürlich hält ein Vierertreff niemals mit einem Zweiergespräch mit, verwandelt aber mitunter das Bild desjenigen, den man alleine kannte. – Ich selber kehre gern an Orte zurück. Also habe ich, während Michael seiner Wege ging, Jakob den immer wieder bewegenden Tränenpalast vorgeschlagen; Bine kam nach. Danach im Innenhof des Berliner Ensembles gespeist; das herrlich-bunte, queere Friedhofscafé war zu, (also am nächsten Tag nochmal). Abends mit Jakob und Michi beim letzten Auftritt der beeindruckenden Stefanie Reinsberger. – Donnerstag zu sechst (Jakob mit Anna, Bine mit Gundi, ich mit Michi) Gefängnis Tegel – das Erlebnis des Jahres. Bine hatten die Theaterleute gleich darauf angesprochen, sie sei doch die Schwester von der, die an den Senat geschrieben habe. Das kam uns möglicherweise am nächsten Tag zugute: Die DonnerstagsVorstellung musste wegen Unwetters nach einem Viertel abgebrochen werden. Ein Sturm biblischen Charakters brach – ohne ein Lüftchen vorher – binnen eines Augenblicks über uns herein, Ohren, Augen, Nase, Mund voll Sand, Bühnendeko wie Bäume flog durch die Luft: Man wurde im Laufschritt in Gänge getrieben, wo man ewig stand, dann die endlosen Wege zurück. Mir war im Tumult die gelbe Karte abhanden gekommen, mit der man am Ausgang seinem Ausweis auslösen muss. Also gingen vier Wachleute mit mir kilometerweit zurück – Karte nicht gefunden, sie haben mir Handschellen gezeigt, nach meiner Lieblingszahl gefragt – so eine Zelle hätten sie noch. Bis wir all die Wege hinter uns hatten schien die Sonne wieder – das merkt man ja erst draußen! Jakob, Anna, Michi und ich dann noch ausgiebig in einen Biergarten am Zoo, (mit Bine und somit auch mit Gundula geht sowas nicht). – Am nächsten Tag wollte ich sie gerade treffen, um Werner in Schöneiche zu besuchen, da kam ein Anruf der Produktionsleiterin: Ich sei doch diejenige, die gestern ihre gelbe Karte vermisst hätte und überhaupt extra aus München gekommen sei…. Ob ich – leider nur mit einer Person, weil alles ausverkauft  – abends nochmal kommen wolle. So fiel Werner aus (ohnehin war der S-Bahn-Verkehr aufgrund des Unwetters teilweise wieder lahmgelegt). Also Rathaus Schöneberg, dann wiederum endlose Reise nach Tegel und das ganze Prozedere – Inzwischen wusste quasi jeder, vom Regisseur bis zur Souffleuse bis zu den Beamten, wer wir waren. Wir durften das Stück, das als Shakespeares schlechtestes und quasi unspielbar gilt, (aus dem diese Künstler herausholen, was sich kein Mensch vorstellen kann), nochmal von Anfang bis Ende sehen. Ich bin beeindruckt bis in Mark und Bein und kriege die Bilder, Tänze, Gesänge, Sprechchöre nicht mehr aus dem Sinn. Leider war der Sturz auf dem Weg dorthin passiert! Das Bein beim Rausgehen schon so steif und dick, dass ich wie auf einem Holzklotz lief. Der Regisseur wollte mir ein paar Schauspieler vorstellen. Ich war aber durchfroren und so leidend, dass ich darauf verzichten musste, mit dreien hatte ich selber schon gesprochen – einem behaarten Araber, der so einen tollen Ausrufer dargestellt hat (letztes Jahr eine der Nutten), auch mit Polly vom letzten Jahr – kaum zu erkennen, diesmal als Soldat; mit dem Götterliebling Mecki Messer, diesmal als was weiß ich; mit einer herrlich tuntigen Lavinia, die im Gespräch die Perücke abnahm und einen brutalen Glatzkopf freilegte. Allerdings fühlte ich mich durch das Angebot sehr geehrt! Woher alle alles wussten – bis hin zu meiner Telefonnummer – weiß ich nicht. – Diese endlosen Wege, dieses furchtbare Berlin, alles dreckig, voll und laut, überall Treppen, aber Buntheit und Möglichkeiten ohne Grenzen! Am Samstag mit Gepäck zu Jakob und Anna zum Frühstück nahe Savignyplatz, noch ein gemeinsamer Chorgottesdienst. Anna hat gleich geweint, also auch ich. – Die dritte Buchung (alles andere verfallen) hat uns heimgebracht. Nach sechs Stunden wusste ich mit halbtotem, schmerzenden, steinharten Bein kaum mehr, wie ich mich bewegen sollte. Eis, Voltaren, Traumeel, Heparin – alles zu spät. AufBruch sehen und sterben… Bein ruhig hochlegen, schlafen, ausruhen – home sweet home.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

3 Antworten

  1. Ines sagt:

    Oh mein Gott! Mir wird schwindelig vom Lesen deines Beitrags. Ein Extrem jagt das andere vom Wetter bis zum Zustand deines armen Beines. Und dazu diese grandiose Aufführung. Lustig, dass man dich wie eine Berühmtheit hofiert. Leider hab ich vergessen, was du an den Senat geschrieben hast nach der letzten Vorstellung. Ich hoffe sehr, dein Bein wir bald wieder normale Größe und Farbe annehmen. Und das alles bei dieser Hitzewelle, noch ein Extrem.

  2. Beate sagt:

    mir ging es ähnlich wie Ines- das Leben rotiert , ist bunt voller schwindelnder Höhen, in die ich allein als Lesende gerate. Was für ein Versäumnis, nicht dabei gewesen zu sein! Und Dein Brief an den Senat ist also auch gar nicht untergegangen, wortgewaltig, wie du bist, hast Du Bemerkenswertes damit geschaffen! Gute Besserung für Dein Bein- doch verleiht es Dir die verdiente Ruhe nach dem nicht nur witterungsbedingtem Sturm durch die Berliner Tage!

  3. Renate sagt:

    Ich hatte das Gefühl nicht hinterher zu kommen, mit dem Lesen deines Beitrages. Gewitter und Sturm, ewig lange Gänge, eine verlorene gelbe Karte und auch noch dein Sturz. Das Theaterstück ein Highlight, ebenso wie S. Reinsperger.

Schreibe einen Kommentar zu Ines Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert