2025-09-13-Mondfinsternis + letzte Schwimms – bei „armen Leuten“, Anna Karenina + in Tibet – Grab meines Herzbuben – Ines, Susanne + Doris – Mitleiden mit Bine

Sonntag See. Die Schwimms zähle ich zwanghaft. Im Zug fiel mir ein, dass mein Ticket im anderen Geldbeutel steckt. Im letzten Moment rausgesprungen. Abends Neustart. Akribisch geplant, Starnberg, Bus, Schwimmen, anziehen, wieder Bus, sonntags nur zweistündlich; Punktlandung Blutmond 19:40 in Starnberg, der sich nicht blicken ließ. Menschen kamen ins Gespräch, fragten nach der Blickrichtung, stellten Stative auf, jemand wollte uns mit dem Auto mitnehmen. Auf unserem Rückweg stand plötzlich Ariane mit ihrer Tochter unterwegs zur Mondschau vor uns. Zurück über der verkehrsreichen Kreuzung, vom wohnzimmerlichen Logen-Sessel aus trat er dann in Erscheinung. So ist das. Bild, Minute und Gradwinkel im Voraus fixiert ist es dann nie wie angekündigt.

Montag Blutabnahme. Unterwegs traf ich eine ehemalige Ehrenamtliche mit ihrer inzwischen erwachsenen Tochter. Gestern hatte ich an sie gedacht. Danach spätes Balkonfrühstück; statt See literarischer Tibet-Ausflug.

Dienstag triste Gräue. Da der Akku des Tablets laden muss, was ewig dauert, die Schnur zu kurz ist muss ich frierend zur Unzeit im Sessel statt im Bett lesen. Nie weiß ich, ob ich schon auf halber Strecke bin, keine Notizen, keine Eselsohren. Ich hatte vergessen, warum ich ausgerechnet „Arme Leute“ ausgesucht hatte. Jetzt weiß ich es wieder. Es soll Dostojewskis Ruhm begründet haben und ist kein Monumentalwerk. Ein Briefroman, der sich – oh Wunder – wieder um Lesen, Schreiben und natürlich Armut dreht. Da mich nichts anderes lockt lese es über den ganzen Tag zu Ende und erwarte abends Ines zur Lagebesprechung – ein seltenes, höchst erfreuliches Ereignis! Ungewohnt, aber überraschend locker: Imbiss zu dritt mit Michi, der sich dann alsbald zurückzog.

Nach „Arme Leute“ kommt Anna Karenina mit dem berühmten ersten Satz. Ich konstatiere, dass das keine Lesegemeinschaft erfordert. Inzwischen kam es über Booklooker. Wunderschöner Einband, leider Frakturschrift, die ich nicht flüssig beherrsche. Allerdings entdecke ich gravierende Übersetzungsdifferenzen. So denkt Kity bei sich: „Ich weiß ja, dass ich einen anderen liebe, und doch habe ich ihn wirklich gern und freue mich, mit ihm zusammen zu sein“ und sieht nach ihm, Lewin, „mit geschwisterlicher Zärtlichkeit“. Bei Gutenberg heißt es: Sie blickte „mit einem stillen Lächeln nach ihm hin, wie nach einem lieben Bruder.“ „Ich weiß, dass ich ihn nicht liebe, doch bin ich gern in seiner Gesellschaft“. Da es um Lewins Hoffnungen geht macht das einen Unterschied: nicht oder einen anderen lieben; besetzt sein oder nicht fühlen, was der andere fühlt. Hier krankt es an Unkenntnis der Originalsprache. Wie bewundere ich Rilke, der sich diese Sprache zueigen gemacht und mit höchstem poetischen Anspruch aus dem Russischen übersetzt hat, beflügelt von seiner durch die Reisen mit Lou gespeiste Russlandliebe. – Später mit Susanne angeregt literarisch-kulturell gefrühstückt. Ich bekam eine „Lesende auf Felsen“, dazu ein Gedicht über Welt anhand des Buches als Metapher. Freude! Mein Beitrag: Günderrodes „Bläue“. – Im salto mortale zu Dr. Firuzeh – innerlich noch in anderen Sphären.

Donnerstag Bogenhauser Friedhof, verbunden mit Spaziergang auf leider wieder wehen Füßen. Ich will Grafs Grab besuchen: mein HERZBUBE, der mir viel Altes neu nahebringt. Erst leider, dann doch nett, trafen wir auf eine Busladung vom Thüringer Landtag, die einen Kranz für die hiesige Dependance niedergelegt hatten. Sie wollten über gemeinsame Geschichte reden, fragten nach Sedlmayer und Fassbinder, kannten Graf nicht. Jetzt kennen sie ihn. Leider schloss der Friedhof – wir mussten sausen. An der Isar hörte ich meinen Namen: Doris mit einer Freundin, Beate! Wie nett!!

Freitag, Samstag, Sonntag „frei“. Michael von seinem Bruder mit Beschlag belegt, ich von Bine, die gestern von Werner aus ihrer Wohnung ausgeschlossen wurde (es ist ja seine, wie er glaubt). Polizeieinsatz. Bald fünfzig Jahre währende Trennungsgedanken setzen sich in gewohnter Ambivalenz fort – welches Schicksal. – Unterdessen erhebt Tolstoi mein Gemüt. In der Nacht bahnte sich Anna Kareninas Ankunft an. Heute betrat diese herrliche Frau meine innere Bühne (Kap.18)!! Welch resonanzreiche Persönlichkeit voll Takt und Anmut, welch soziale Begabung!!

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4 Antworten

  1. Ines sagt:

    Es ist schon erstaunlich, wie sehr du in die Literatur eintauchst und darin aufgehst. Dadurch erlebst du viel ohne deine Wohnung zu verlassen. Den Blutmond habe ich leider verpasst. Dem Trubel am Starnberger See nach zu urteilen, war das für viele Menschen eine Ereignis bzw. sie haben den Mond zum Anlass genommen, es Ereignis drum herum zu machen. Eure Schwimmsaison ist wohl jetzt vorbei, es sei denn der Herbst schenkt uns noch mal Wärme. War die Anzahl der Schimms so wie letztes Jahr oder weniger? Von dem Besuch bei dir und Michael werde ich auch noch in meinem Beitrag schreiben, das war schön.

  2. Renate sagt:

    Ich habe den Blutmond leider nicht gesehen. Du hattest Glück, ihn vom Logenplatz aus zu sehen. Bist du bereits bei den russischen Schriftstellern angekommen. Mit Frau Steininger machte ich vor Jahren eine Führung am Bogenhauser Friedhof, Oskar Maria Grafs Grab besuchten wir auch.

  3. Beate sagt:

    Tolstoi – ich bin dabei, ihn gemeinsam zu lesen. Auf dem Bogenhausener Friedhof bin ich öfter, wenn ich mit Sabine spazieren gehe. Ich bin auch immer wieder beeindruckt über die Pflege, den Ort, der kostbar anmutet bei denen, die da ruhen. Und dann kommt auch noch Doris daher…

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