2025-12-29- Nach der Grippe ein bikulturelles Weihnachtsfest in Berlin – Besuch bei Rudi
Da ich durch stattgehabten Knockout aus dem Tritt war muss ich neu ins Bloggen finden. – Vor Berlin hat mich der Backdruck überfallen, was anstrengend UND befriedigend war. Besonders in Schultern und Armen Bleigewichte – hinterher stundenlanges Schlafbedürfnis.
Dann war es soweit. Am 24. um 8:30 stiegen wir tatsächlich in den Zug. Abgesehen davon, dass er zwischendurch in Wäldern liegenblieb, wegen Stellwerksschäden von weiträumigen Umleitungen die Rede war, die Durchsage schon informierte, dass diejenigen, für die die Reise keinen Sinn mehr mache, kostenfrei ab dem nächsten Bahnhof zurückreisen dürften – auf einmal „Rolle rückwärts“, alles behoben, es ging weiter und wir kamen mit vergleichsweise harmloser Verspätung an. Gleich vom Hotel zu Jakob und Anna in die winzige Wohnung (mit Christbaum), wo wir endlich nach sieben Jahren Annas Mutter kennenlernten, (den Bruder kannten wir schon). Ritualisierte Begrüßung von Jakob und Anna (zweisprachig, bikulturell), dann traditionsgemäß 12 Gerichte (12 Apostel, 12 Monate) von Piroggen über Pilzsuppe, Fisch, Mohnstudel usw. Das Wichtigste ist natürlich die Stimmungslage. Obwohl Malina wenig englisch spricht – was Anna unauffällig-aufmerksam übersetzt und sich dadurch nie als Unterbrechung anfühlt, floß das Gespräch; es wurde sogar, wie die Mutter sagte, TIEF. Ja, es gab Themen. Warm, zugewandt, herzlich, lebhaft. Wir wuchsen über uns hinaus, konnten auf Pausen verzichten, Michaels Zunge löste sich (dank Wodka, Wein und Likören?). Mein Vorschlag, noch ein Orgelkonzert in der Gedächtniskirche aufzusuchen (Heiligabend) wurde gern angenommen, wenngleich wir unterwegs fast erfroren wären. Am 25. kam Bine für zwei Stunden dazu (erst sperrig und nein, sie wird nicht englisch sprechen); dann wurde auch sie zugänglich, erlebte, wie das ist, wenn sich der Teller füllt, einen alle einladen ohne Vorbehalt. Dann war es sogar sie, die die Weiche für einen Abend stellte, bei dem sie dann gar nicht mehr dabei war: was denn in Polen zu Weihnachten gesungen werde? So kam es, dass wir – mithilfe von spotify (?) – Lieder mitsangen, wenigstens summten, dass auch Anna ganz hinreißend sang, die von sich sagt, sie könne es nicht, dass Michael mitsummte und brummte und Vorschläge machte. Wunderbar. Nur der letzte Tag war dann ein Rumsitzen und Warten; ich wollte noch in eine Kirche (mit Bine), dann fuhren „die Polen“ ab; wir noch in eine Ausstellung zu europäischer Fluchtbewegung, zuletzt ein (wie meist) miserables indisches Essen. Dann zum Bahnhof. Ich konnte angesichts der von Malina angeschleppten und von allen anderen zubereiteten Speisen lediglich mit Backware punkten, worum ich froh war. Für uns war es ein durchwegs erfüllendes Weihnachtsfest, erstmals bar jeder eigenen Verantwortung.
Ein Tag Erholung danach. – Gestern fuhr ich, zum zweitenmal dieses Jahr – zu Rudi, habe ihn wieder in seinem Trachtenvereins -Theater bewundert. Vorher wurde ich mit bombastischem Mittagessen zu Hause bewirtet. Jede vorurteils-basierte Erwartung dumpen Spießertums hatte ich ja schon im Frühling haushoch über Bord geworfen. Kreativ, vielseitig begabt und interessiert, zugewandt, weltoffen, spirituell und so herzlich. Holt und bringt mich zum Bahnhof, geht mit mir Arm in Arm, spricht aus, wie er unsere Begegnung aus tiefem Herzen erlebt. Dichtet. Sagt, das habe er von meiner Mutter gelernt, deren Dichtwerke er zu Familienfeiern auswendig lernen und aufsagen musste! Auch habe sie hinter ihm gestanden und ihn angeleitet. Rudi und seine Frau sind einer der großen Gewinne meines Jahres. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass in ihrer Gegenwart kein einziges hohles Wort gesprochen wird. Es ist wie eine neue Freundschaft. – Heute stundenlanges Telefonat mit Exkollegin Sonja – schön!
12 Gerichte, für jeden Monat, jeden Apostel, eine schöne, sättigende Tradition. Wie das Weihnachtsfest verlief klingt recht harmonisch. Ist es nicht so, dass die „Polen“ wissen wie man feiert?
Wie wunderschön du das Weihnachtsfest beschreibst in der winzigen Wohnung mit polnischem Essen und Gesang und endlich die Mutter von Anna kennengelernt. Der Bann ist gebrochen. Rudi wird zum guten Freund, das ist auch etwas Besonderes.
Ein Weihnachrsfest, so berührend, so verbunden und verbindend, ich hatte Tränen der Mit-Freude dabei! Und selbst Bine war eingebunden, ein bisschen, was für sie schon ein großer Sprung zum Miteinander ist!