2026-02-14- Jakob im Gespräch – Blase beim Kammerspiel – Tragödie auf Eis – Kinderarmut in echt – Svetlanas und Sergeis literarisch und leibhaftig

Montag ist Jakob abgefahren. Wir hatten diesmal sehr gute Gespräche. Seine Kunst ist für mich leider schwer zugänglich, auch un-erkennbar. Was er dazu schriftlich äußert zeugt dagegen von soviel Seele, Tiefe und Wissen, dass es mich zu Tränen berührt.

Weiterhin Lesen. Zwei Chöre. Diverse geschlossene, halb-offene oder sporadische Schreibgruppen, zuweilen eine Verabredung. Der Laurentius-Chor hat sich im Vergleich zum letzten Mal gefüllt – leider auch mit Schreckensgestalten. – Von den beiden Lese“zirkeln“ nimmt  der „russische Salon“ den Mammutteil meines Tages ein. Da er neu ist und wir einen noch unbekannten Kulturraum betreten – was ich unterschätzt hatte – bin ich restlos absorbiert und tauche tiefer ein als ich mir das je hätte träumen lassen. Mit Freuden sehe ich, welche Kreise das zieht, wer von den Damen (neuerdings ein Herr) welche all der Möglichkeiten dieses unendlichen Kosmos aufgreift, welches Leseereignis worauf folgt – das wird hier ausgetauscht. Dann versammeln wir uns über der einen Erzählung, die gerade dran ist. Sie reicht nicht an die großen Romane heran, die in solch einem Format schwer zu bewältigen wären – sie werden allein gelesen. Die meisten von uns würden sie innerhalb ihrer Lebenszeit nicht mehr in Präsenzzeit schaffen. Es müsste mindestens 1x wöchentlich gelesen werden. Gestern fehlte die Russin vom ersten Mal, stattdessen kam eine andere mit Sohn. Sie schrieb, sie freue sich schon aufs nächste Mal. Trotz Streik waren wir gut besucht – zu neunt. Es gab stramme Fußwege zurückzulegen. Johanna kam neu – eine Bereicherung; ich kenne sie von einem Hospizkurs und hatte sie einmal zufällig, dann gezielt getroffen. Damals fragte sie nach einer Leseanregung. Die hatte ich! Sie inspirierte mich zu FriedensChorGebeten in Herz-Jesu – die spirituelle Haltung ist also gegeben – essentiell und förderlich für die Lektüre „der Russen“! Hier lesen wir reihum viel kürzere Sequenzen, wobei nicht jede gern freiwillig abgibt. Die Erfahrung in der anderen Gruppe hat gelehrt, dass seitenlanges Vorlesen die Geduld der ZuhörerInnen strapazieren und die Konzentration schwächen kann. Dass wir aus verschiedenen Ausgaben synchron unterschiedliche Übersetzungen lesen ist zugleich verwirrend und interessant. – Täglich studiere ich – teils unter heißen Tränen – Dostojewskijs Biografie. Bezüge zu Tolstoi notiere ich bzw will ich das noch tun. Wieder Bücher bestellt, weil ich zu wenig auf die Übersetzer geachtet hatte! Auf Schritt und Tritt lerne ich. Fruchtbare Korrespondenz mit Frau Erschow bis hin zur Lautschrift eines Wortes mit Bedeutungsnyancen. Morgens hole ich Kaffee ans Bett. Dann lese ich stundenlang, oft bis Mittag. Was für ein Luxus!

Theater. Gabriele hatte für Freitag unverhofft eine Karte übrig: „Bevor ich es vergesse“ – sehr sehenswerte Vorstellung! Von Anfang an Blasenschmerzen, sodass ich hinterher aufs Blaue Haus verzichten muss. Auf meinem Umweg (Sicherheitskonferenz!) nach Hause kontrastieren die bonzigen Limousinen der Spitzenpolitiker vor dem Hotel Oriental mit den Obdachlosen und Drogenleichen am HBF, eine mit Kleinstkind. Auch in der Trambahn habe ich eine Frau aufgefangen, die vom Sitz kippte. Davon niedergeschmettert hole ich Michael aus dem Bett, erzähle bei Wasser, Blasentee, D-Mannose. Um weiter zu trinken gucke ich noch Herren-Eiskunstlauf. Der „Vierfach-Gott“ Ilia Malinin stürzt mehrmals, springt statt vierfach nur einfach, die Kräfte verlassen ihn, er scheitert. Der junge Kasache Michail Schaidorow „mit der sympatischen Zahnspange“ siegt – und umarmt den eigentlichen Favoriten sekundenlang tröstend. Er kann sich gar nicht richtig freuen. Er verdankt seinen Sieg der Tragödie des anderen. – „Zusammenleben“: gemeinsam Essen, Lesen und Reden, Teilen gewisser Malaisen. Heute Maria Stuart. – Ich habe, entgegen aller Vorsätze, nicht NUR gute Krapfen verspeist. So war endlich das Backspielhaus fällig. Soooo berühmt war’s auch wieder nicht.

Auf meine 3. Email incl. Einschreiben an die Geschäftsführung/Hausverwaltung läuft’s. Endlich geschieht etwas wegen des ewig defekten Warmwassers und der Haustür – ich bekomme Antworten mit Infos, auf die das Haus seit Monaten vergeblich gewartet hat.

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3 Kommentare

  1. Beate sagt:

    Wie schön sich das liest, dass Du mit Deiner Lektüre der Russen so eintauchst in neue Gefilde! Die Zeit dafür findest…
    Ich wünsche Jakob viel Erfolg, auch wenn seine Kunst erst mal sperrig erscheint.

  2. Ines sagt:

    Ja, der tiefgründige Jakob. Seine Kunst würde mich mal interessieren. Das meiste haben wir heute in der Gruppe schon besprochen. Für mich unvorstellbar ist es, den ganzen Vormittag zu lesen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, nicht fleißig genug zu sein. Beeindruckend, wie sehr du dich mit den Russen beschäftigst.

  3. Renate sagt:

    Ich bin inzwischen begeisterte Leserin russischer Literatur. Die Drogenabhängige, obwohl selbst nicht gesehen, ging mir sehr nach. Was hätte ich getan? Zuviele habe ich in den Jahren in der Drogenberatung gesehen.

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