2026-05-23- Böser Fuß, nützliche Blöckchen, miese Gefühle – soziales Leben – Schlaganfall in HH und Highlight Oma Beate mit Lilli

Strahlender Sonntag. Ich bastele an Notizblöcken. Nein, eigentlich schneide ich nur Wegwerfpapier mit Teppichmesser, Leim zaubert Michael hervor. Das wird toll! Auf den Rückseiten: Stammbaum „Die Verwandelten“, vertippte Handouts, Lyrikkabinett, Schreibimpulse, Gedichte, Noten, Buchquittungen. Daumenkinomäßig vollziehe ich mein Leben anhand von Papiermüll nach wie bei Kontoauszügen. Zettelstoß für Gregors bislang ungenutztes Gedichtkästchen zugeschnitten: Hefte, Schmierblöckchen, Stapel für Jahre, nicht „hübsch“, aber nützlich. – Mir hängt der Tolstoikreis nach. Niemand reagiert auf Whatsapps, ich fürchte, mich daneben benommen zu haben, viel zuviel geredet, kann’s nicht ungeschehen machen. Ich fühle mich schnell verstoßen, „bestraft“. Wenn etwas schiefgeht bin ich allein. Ahnt niemand, wie mies einem zumute sein kann? Hätte ich nur dies und das statt diesem und jenem gesagt/nicht gesagt. – Bettina aber ist immerhin nicht eingeschnappt, bedankt sich.

Montags Aetasabsage wegen Reise, Enkel, ZahnOPs. Dienstags beinah Verabredung mit Gabriele vergessen, abgesagt, Chor abenso; Kopfweh, Benommenheit. – Mit Michael schönes neues Thema, die Gesangserfahrung. Am Küchentisch lustig miteinander gesungen. Er hat so ungewöhnliche Liederwünsche. Lektüre bis in die Träume. – Um dem Gedöns mit drei Steuerberatern zu entkommen hatten wir alles in die Hand derjenigen verlegt, die die Augsburger Wohnung macht. Heute die Rechnung: für mich ca 860, für Michael extra 790, die Wohnung bereits vorab 400. Übertrag auf gemeinsame Erklärung kostet zusätzlich. Es überschreitet alles, was wir bisher bezahlt hatten. Dazu mit Leihauto in die Provinz gefahren – akribisch vorbereitet. Fortan will es Michael machen. – Donnerstag. Mit Beatrix Heilig-Geist-Kirche, Teahouse, Viktalienmarkt. Erstmals fällt auf, wie sie gehäuft kommentiert „warum machst du nicht einfach…?“ oder „da musst du doch bloß…“. Der Killer. Unser stets exquisites Gespräch erleidet eine rasante Abwärtskurve. Im Anschluss kurzfristig mit Lioba und Gabriele BASK zur „Kraft der Sprache“; Sibylle Canonica liest Penelope von Dagmar Nick. Als ich heimkomme geht Michael einer gelallten 1-Wort-Nachricht seines Bruders nach: Schlaganfall, dann ein Krach. Ob dessen pflegebedürftige Frau, derzeit ihrerseits im Krankenhaus (in welchem?) davon weiß? Wo ist er? Zuhause? Telefonate mit Rettungsdiensten, Feuerwehren, Kliniken in HH und München. Keins der endlosen, häufigen Telefonate der letzten Jahre, das sich nicht um überfällige Verfügungen gedreht hätte, das letzte am WE. Michael Klagemauer für kreisende, fruchtlose Erörterungen, aber nie wirklich eingeweiht. Aus Angst, Ilses Tochter könnte etwas bekommen (Geld, Wohnungen), aus Angst, irgendetwas falsch zu entscheiden ist NICHTS geregelt. Das absurde Theater zweier reicher Geizhälse hat das Potienzial einer Tragi-Komödie. Vermutlich landen beide im Pflegeheim, was nie geschehen sollte. „Man müsste Wohnungen verkaufen“. Für die Aktualisierung des Testaments hätte man „einen Notar gebraucht“. Das „kostet“. Wir saßen bis 2:00. – Donnerstag. Michael nach knapp 11 Stunden in HH: drei Züge gestoppt, evakuiert, ausgetauscht, umgeleitet – eben noch auf den letzten Drücker zur Besuchszeit. Es gibt einen Freund mit Schlüssel und eine funktionierende Nachbarschaft. Vonwegen Michael der einzige Mensch – im Gegenteil wusste keiner von einem Bruder! Reinhard glaubt, in drei Wochen wieder fit zu sein. Einerseits katastrophal wie immer, andererseits halb so schlimm. Jetzt putzt Michael die versiffte Wohnung. Wie immer vertrödele ich „Me-Time“ ruhe- und nutzlos im Nachthemd. – Besorgungen, Arzttermin, kleine-Rose bei Winni – deutlich angenehmer privat in seiner originellen Wohnung als im Lokal, lecker bekocht; gutes Gespräch. Jeder Schritt auf meinen armen Füßen ein Albtraum. Am Vortag – am Handlauf – trotz Übervorsicht zweimal umgeknickt; eben Fuß-Termin gebucht: 7. Juli von 10:00-10:10 (!). Was soll das denn?! – Spätstück mit Cornelia im Tribeca unter Schmerzmitteln, unerwartet unterhaltsam, erfreulich in angenehmster Frühlingsluft. Abends von einem verstorbenen Klassenkameraden erfahren. Eine der wenigen starken Persönlichkeiten unter den Jungs, schon damals! Bewegt mich, auch wenn wir keinen Kontakt hatten. – Samstag. Die Stunde meines Antrittsbesuchs bei Lilli ist gekommen. Ich lerne ein zufriedenes, drolliges, wonniges, properes Baby kennen, das aufmerksam beobachtet, freundlich auf Kontakt eingeht, sich zumeist selbst beschäftigt, durchs Zimmer robbt – dazu Beate von ihrer besten Seite als kompetente, liebevolle, warmherzige, fröhliche, entspannte Oma. So schön war’s!

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3 Kommentare

  1. Beate sagt:

    Oh ist das schön, wie du den Besuch bei uns beschreibst! Es waren so wunderbare Stunden! Michael bei seinem Bruder: Unglaublich wie manche Menschen am Lebensende in ihrem eigenen Film sind und nicht mal wahrnehmen können, dass ihnen von vielen Seiten geholfen wird! Michael mitfühlend bis zur Selbstaufgabe und auch das läuft anscheinend ins Leere

    • Heike sagt:

      „Mitfühlend bis zur Selsbtaufgabe“…da muss ich schmunzeln. Das ist Michi nicht, es blieb nichts anderes übrig in der Lage. Jetzt aber ist Reinhard teilweise etwas verwirrt, hatte nachts auch randaliert, war sogar fixiert worden – furchtbar – dann wieder schroff bis unverschämt. Er sagte, wenn Michael etwas zu Klärendes ansprach, wiederholt: „Schnauze“. Michael stellte klar, dass er sofort seine Sachen packt und weg ist, wenn er das Wort noch einmal hört, obwohl Reinhard offenkundig nicht mehr alle Kiesel auf der Schleuder hat. Aber bei Vollverweigerung lässt sich nichts erreichen. Reinhard glaubt, alles sei geregelt. Das Gegenteil ist der Fall.

  2. Ines sagt:

    Was für eine entsetzliche Situation in Hamburg. Auch fürchterlich, wenn die Sparsamkeit solche Formen annimmt. Als wenn man das Geld mit ins Jenseits nehmen könnte.
    10 Minuten Fußbehandlung ist ein Witz. Hoffentlich wird das auch so wieder besser. Die selbst gemachten Notizblock sind super. Bestimmt hast du dich nicht daneben benommen im Tostoikreis. Wahrscheinlich ist das Reagieren auf WhatsApp nicht der Weg, den die Gruppenmitglieder nutzen.

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