2026-07-11 – Krank statt Hospiz – Reinhard – Käthchen mit Michi, Bachmann mit Margot, Tolstoi – Blutdruckversuch, ein Fußarzt, der hinschaut – endlich die Markise
Was anhand des Kalenders alles zutage tritt! Seit Mittwoch Abend nach Tolstoi hat mich eine „Sommergrippe“ (einfach ein Infekt?) ohne „Schuldigen“ oder Begebnis bewusster Art an der Kehle gepackt. Für mich leider spezifisch, dass Husten ins Asthmatische, Röchelnde mündet; seit jeher angstbesetzt und sehr unangenehm. Seit heute, Samstag, fieberfrei; dennoch zieht es mich noch nicht aus dem Bett. Alles läuft und rasselt noch, aber ich bin wieder munterer.
Am Freitag konnte ich nicht an Ingrids (und Christianes) Abschied im Hospiz teilnehmen, wozu ich mich – nach vier Jahren – wenn auch etwas bange – durchringen wollte. Ingrid hatte mir zu meiner Entlastung GLs Absage mitgeteilt. Renate hat Bericht erstattet; ich hatte im Vorfeld ein paar wenige Kontakte diesbezüglich – allein es hat nicht sollen sein. Gerade rührendes Telefonat mit Ingrid.
Am Montag – längst vergessen – war ich (zur Ausschöpfung meines Volkstheaterkontingents) mit Michael im Käthchen. Ich mochte es, aber Michael sieht nicht ein, warum man sich antut, was man weder akustisch noch inhaltlich versteht. Vor zwei oder drei Jahren hatte ich diegleiche Inszenierung im Haupthaus gesehen, damals vorbereitet durch nochmaliges Lesen von „Kein Ort. Nirgends“, also Wolf, Kleist, Günderrode; mag die Sprache, mag, dass es nicht (ganz) eine dieser überflüssigen Romanfassungen für Bühne ist, aber 2,5 Stunden am Stück sind lang. Einen Mann habe ich glücklich gemacht, weil ich ihn in die erste Reihe der Loge eingeladen habe – ein wenig zusammengerückt. Michael ist für mindestens ein Jahr vom Theater beurlaubt.
Am Dienstag war ich bei Helgas Hand-und-Fuß-Arzt. Von ihm habe ich, ohne fragen zu müssen, die Überweisung zum MRT. Termin? August. Weitergesucht. 20. Juli bei den B-Brüdern. Er könne mir einen Stiefel verschreiben, würde aber, wenn ich es noch aushielte, lieber auf eine richtige Diagnose warten. Von Hämatom wurde nicht mehr gefaselt. – Abends traf ich nach langer Zeit Margot im City zu S. Hüller als Ingeborg Bachmann mit gesprächsintensivem Ausklang im Hof bei Aperol. Bachmann untermalt mit ihren Texten mein durch Ingo teilweise befeuertes, depressiv-philosophisch-schwerblütiges Lebensgefühl der Jugend. Genau das hatte ich in meinen 1,5 Jahren Italien später so unendlich vermisst! Dort ging es um Sonne, Sommer, Essen, Lachen, „Liebe“, es blieb fremd, seicht, inhaltslos, ich wurde seelisch unterernährt! Ich habe gleich ein Gedicht im Ohr, das Bine in der Schule lernte; Heide, die sich in einem literarischen Seminar während des Studiums, anhand dessen wir Charaktere nach psychologischen Typisierungen in Referaten analysierten, mit Ingeborg Bachmann befasste – während ich Rilkes Malte Laurids Brigge wählte. Welch mutige Pionierin der Frauenbewegung Ingeborg Bachmann war! Diese Gesellschaft finster blickender Männer, alle gleich aussehend, ihres allwissenden Urteils gewiss! Erinnert an Hildegard Knef und „die Mutigen“ über die ersten Parlamentarierinnen. – Am MIttwoch Dr. Poluda – wieder neues Medikament, mit Blutdruck (und Wasser) muss experimentiert werden. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist so lang wie ich noch nie eine gesehen habe. – Nachmittags Tolstoi, diesmal zu siebt. Sobald ich versuche, etwas gemeinsam zu entscheiden, landen wir im Wald. Worauf in der Not die Wahl fiel erwies sich amselben Abend beim Durchlesen für mich als UNBRAUCHBAR. Inzwischen freuen wir uns nicht nur über Svetlanas Kekse, sondern fordern sie quasi frech ein. – Soeben konnte ich Michi (endlich!) bei der Montage unserer windschiefen Markise assistieren. Gebe Gott, dass sie nicht beim ersten Windstoß runterkommt.
Ansonsten dreht sich alles um Reinhard. Kaum hat Michael Wäsche bestellt, gewaschen, verschickt, kommt ein Anruf, woran es Ilse fehlt. Eine Hand weiß nichts von der anderen. Reinhards Ruf als „ständig Besoffener“ könnte sich gerade zugunsten der möglichen Nebenwirkung eines Medikaments aufklären. Darauf kam dort niemand. Des Pychiaters erste Frage: „Sind Sie Alkoholiker?“ Jemand aus dem Haus: „Na, sind Sie schon wieder besoffen?“ Wir recherchieren von hier aus. Die Verwirrung legt sich langsam, Reinhard artikuliert besser, kann jetzt auch berichten! Eine Nachbarin teilt unseren Verdacht. Am Dienstag fährt Michael wieder nach HH.
Was du. Über die von Männern dominierte Öffentlichkeit zu Zeiten von Ingeborg Bachmann schreibst, habe ich diese Woche Jahrzehnte später in der Uni gesehen. Diese „wichtigen Männer“, eine eigene Welt, zu der ich nicht durchdringen kann , aber auch nicht will. Ingeborg Bachmann war und ist Eine, die viel von Meinem Lebensgefühl verkörpert
Hoffentlich gibt ein MRT bald Aufschluss über die zugrunde liegende Ursache deiner Fußschmerzen. Das mit dem Asthma ist quälend, ich erlebe es gerade bei Hubert, der als Kind schweres Asthma hatte, das bei Erkältung wieder aufflammt. Und die seelische Unterernährung in Italien kann ich sehr gut nachvollziehen. Immer nur übers Wetter und das Essen reden ist einfach zu wenig. Michael verdient einen Orden.
Endlich ein MRT und dass ohne viel Rumrederei. Die finster dreinblickenden Krawattenträger, die alles besser wissen müssen wir noch immer ertragen. Wenn bei Tolstoi viele mitentscheiden wird es noch lange hin und hergehen. Ein Vorschlag von deiner Seite wird zu undemokratisch sein. Ich wäre dafür. Ich möchte einen Alkoholiker sehen, der, wenn er es selbst noch nicht einsieht, einem Psychiater auf diese Frage mit ja antwortet.
Ja, sagenhafte Gesprächsführung.