23-06-25- „Work in progress“ dominiert Soziales und Kulturelles – adé blaue Frau – GruppenStressTest
Schon vor dem Frühstück Lebensmittelschubaden auf Motten untersucht und ausgewischt – wider Erwarten nicht „das“ Nest gefunden. Eineinhalb von drei Kommoden in Michaels zukünftigem Zimmer geleert; entsprechend füllt sich meine Kemenate. 12 Umzugskartons allein mit Büchern diese Woche vom Wohnzimmer in Michaels Zimmer. Morgen kommt der Teppich. Übermorgen Jakob. Dann bin ich schon weg.
Vormittags haben Benelisa und Markus, Emilians Eltern, die „Blaue Frau“ abgeholt, die mich fünf Jahre begleitet hat. Benelisa hatte sie unmittelbar auf die Nachricht von Simons Tod gemalt, wie sie die Hände vors Gesicht schlägt. Ich habe damals angekündigt, sie zu gegebener Zeit gerne zurückgeben zu wollen. Ein aufwühlender Moment.
Elm genommen „für das vorübergehende Gefühl, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein“. Ingrid meinen kompletten Bachblütensatz angeboten, den wir doppelt haben. Alt, Pipettenköpfchen teils brüchig, aber wie Homöopathie bleiben sie wirksam. Eine Nachbarin klingelte wegen des zweiten Lolloregals. Eines ist schon bei meiner afrikanischen Nachbarin eingezogen. Jubel, wenn eines dieser einzigartigen Stücke nicht auf dem Müll landet! Einige Leute bieten meinen Tisch in ihrem Bekanntenkreis an. Hoffnung, ihn nicht zersägen zu müssen. Ansonsten gehen soziale Ereignisse wie Hochzeit, Geburtstag oder Peergruppe, kulturelle wie Besuch in den Kammerspielen (fast vergessen: „Die bayrischen Souffragetten“) unter im Tohuwabohu. Meinen nächsten Geburtstag will ich lieber wieder „gestaltet“ feiern. Ich habe sofort das Gefühl, nicht genug zusammengeführt zu haben.
Die PraxisGruppe will nach diesem FünferBlock weitermachen. Alexandra hat versehentlich einen „meiner“ Samstage mit einer ihrer Gruppen besetzt. Sie will dieses Angebot in ihrer Praxis, aber klappt das verlässlich? Meine bestehende Gruppe will keine Fluktuation. Eine mögliche Fusion mit anderen – ursprünglich avisiert – derzeit nicht denkbar. Gestern zeigten sich beim Thema Familie bei einer Teilnehmerin Anzeichen für etwas, das m.E. Richtung posttraumatische Belastungsstörung gehen könnte. Ich musste alle Pläne übern Haufen werfen und improvisieren, mit (Ein-)Verständnis der Gruppe eine Kursänderung vornehmen; selbst einen Moment hilflos habe ich das aufgegriffen und als Aufhänger genutzt, was sich als „Trigger“ für sie erwiesen hat, kraft Gruppenintervention mit aus dem Ärmel geschüttelten Impulsen das Ruder „herumgerissen“. Die Situation hatte das Zeug zur Eskalation. Genau dieser Umgang mit dem Unerwarteten wurde von der Gruppe sehr sensibel wahrgenommen. Sie hat sich, wie die Betroffene selber, am Schluss ausdrücklich bedankt, beschützt und „sicher durchgeführt“ worden zu sein. So hat die Betroffene die Kurve gekriegt und, wie sie sagte, „ein Muster durchbrochen“. „Sicher“ war ich nicht gewesen, zumal in Sekundenschnelle etwas geschehen musste und ich Gefahr lief, überfordert zu sein. Eine sehr zurückhaltende Teilnehmerin sagte im Schlussfeedback, als der Wunsch nach Weiterführung der Gruppe geäußert wurde: ihr sei dahin kein Weg zu weit. Wohnhaft in Murnau musste sie gestern allein für die Zugstrecke drei Verkehrsmittel benutzen und war zweieinhalb Stunden unterwegs. Das hat mich fast umgehauen. Es war, als hätte durch „das Erschütternde“, als alle den Atem angehalten haben, jede an Sicherheit gewonnen, dass sie „aufgehoben ist“ und ihr nichts passieren kann. – Schon meine Vorbereitung war diesmal voll unruhiger Vorahnung gewesen, immer gewahr, dass Wurzeln schwierig sein können und nicht alle Menschen in der Geborgenheit eines Bullerbü aufgewachsen sind.
Auf dem Rückweg war die Stadt dicht: Christopher Street Day und Hofflohmärkte. Voll der Intensität der Gruppe war ich den Rest des Tages platt. Jetzt schon mit einem Fuß in Berlin. Was mich interessiert findet statt, wenn ich wieder weg bin. „Berlin war ihm zu groß, da schiss er in die Hos‘.“ Von allem zu viel, alles zu groß für mich. Meist falle ich dort sofort in Depression. Ich fahre nach Berlin und suche Ruhe. – Heute Abend aber geht`s noch nach Dorfen zu Faust als Freiluftspektakel: Der Sohn unseres früheren „Dienstmädchens“ – so peinlich das Wort – spielt mit im Laientheater, der Preis höher als in den Kammerspielen.
Es wundert mich nicht, dass das Schreiben über Familienthemen traumatische Erlebnisse wieder hochkommen lässt. Sicher ein Kraftakt, hier zu improvisieren. Ich bewundere dich dafür. Und schön, dass du nach und nach Materielles abgeben kannst und so Luft für ein neues gemeinsames Leben schaffst. Während Michael Teppich verlegt, fährst du nach Berlin zum Ausruhen. Das ist cool.
Oh, wenn Ihr den Tisch doch an Leute abgeben könntet, die sich darüber freuen! ich habe ihn auch Einigen angeboten, aber selbst Walter braucht ihn nicht. War die Rückgabe der „Blauen Frau“ der richtige (gegebene ) Zeitpunkt, auch für Dich?
Viel Freude in der letzten Runde der Theaterspielsaison! Heute bei Kaiserwetter in Dorfen!
Nur für mich war der Zeitpunkt gut. Ich habe mich an Benelisa gewandt und gebeten darum, das Bild jetzt zurückgeben zu dürfen. Natürlich ist es eine Trennung. Aber wir hatten es bei unseren seltenen Treffen von Anfang an so besprochen. Ich wollte es nicht als Geschenk für immer, sondern auf Zeit.
Sich etwas über einen gewissen Zeitraum auszuleihen, finde ich grundsätzlich gut. In deinem Fall war es mit starken Emotionen verbunden. Beruhigend, dass einige deiner Regale in gute Hände kommen. Kommt der Teppich vom beleidigten Teppichfritzen? Überraschung! wenn du aus Berlin zurückkommst, dann liegt er.