2026-06-13 – Wirkmächtige Freudeninseln: Schreiben, Lesen + Gruppen gegen das profane Festland des Körpers

Michael kam am Montag heim, statt direkt von seinem Freundesbesuch in Berlin nach Hamburg weiterzufahren. – Nachts reißt mich mein Fuß aus dem Schlaf. – Gerade durchleide ich mit Tolstoi die schleichende Vergiftung, die sein luxuriöser Lebensstil im Konflikt mit seinem sozialen Gewissen auf ihn ausübt. Diesmal vorwiegend aus seiner Sicht bzw der seiner Seelenbrüder (weniger aus der seiner Kritiker, mancher Verwandter oder seiner Frau – in deren Augen er teilweise „verrückt“ geworden ist);  alles anhand von Briefen und Tagebucheinträgen. Mich erfüllt tiefes Mitgefühl. Ein Teil dieser Tragödie ist, dass sie am Schriftsteller festhalten, der längst anderen Visionen folgt wie der Gründung einer eigenen Religion, philosophischen, sozialkritischen, umwälzenden Ideen. Bei seinem Tod wird eine Revolte gefürchtet, Behörden und Geheimdienste überwachen alles. Abertausende strömen in Sonderzügen herbei. Für Viele ist er wie ein Heiliger. Russland und die halbe Welt trauert.

Am Montag Chor. Kirchenchor incl Auftritten bis auf Weiteres abgesagt. Chorleiter selber krank, wurde vertreten, sagt Martha.

Eiskalter „November“ – Schafskälte? O.G. Buch in schlafloser Nacht zu Ende gelesen, schlaflos auch nach Telefonat mit Jakob.

Dienstag Orthopäde, der außer einem Hämatom an der Fußsohle („durchgebrochenes, verletztes Bindegewebe“), (einem alten Bruch, und einem angeborenem DoppelKnochen), nichts findet (Röntgen; Ultraschall). Der Schmerz ist überall angekommen, Angst vor jeder minimalen Drehbewegung (Unebenheit am Boden; Dusche; man dreht den Fuß ständig, beim Anziehen, selbst im Bett); ich solle mit weiteren sechs Wochen rechnen. Ich lasse meinen Termin bei einem anderen stehen. Nichts gesehen heißt nicht zwingend, dass da nichts ist. Ich bin ihm gegenüber nicht prinzipiell skeptisch, aber da IST nunmal was. – Mittwoch Hausärztin. Blutwerte dank massenhafter Medikamente ok, Blasenentzündung wie immer, aber leicht; Prädiabetes, nicht tragisch. Ich soll ein zusätzliches Blutdruckmedikament nehmen. Beim Durchlesen des Beipackzettels wird mir ganz anders, ich habe schon viel durch mit untragbaren Nebenwirkungen – allerdings klebt der Blutdruck trotz Höchstdosis des gewohnten Medikaments an der Decke, wie die regelmäßige Messung zeigt. Am Freitagabend erstmals eingenommen – erst Gesicht taub, dann der ganze Körper, Übelkeit, Benommensein, Herzrasen. Wer tut sich das an? Vermutlich wären alle Probleme mit Abnehmen behoben. Wie nur? So sympatisch die Ärztin ist bleibt mir nicht das Lied von gesüßten Getränken und Snacks zwischendurch erspart; 5-Std.-Pausen – mache bzw lasse ich alles sowieso. Bewegung natürlich (nicht). Aber sie sagt das verständig, nicht so, dass ich gleich eine neue Praxis suche. Ich kann ihr nicht verübeln, dass sie mich wahrscheinlich Cola trinkend und Chips fressend auf der Couch fantasiert. Dass ich auch bei 16:8 zunehme erklärt mir sowieso keiner.

Tolstoi – diesmal zu neunt; die Unangenehme ausgeschieden; eine angenehme Überraschungsgästin, die Zeit zu überbrücken hatte, weil ihr Schlüssel abgängig war, hatte das Angebot kurzfristig gegoogelt. Rundum für mich hocherfreulich. –  Donnerstag und Freitag „frei“. Lesen, Gruppen vorbereiten – die Routinen. In der Küche flattert es – Schubladen inspiziert, ohne „Befund“!

Michael bereitet die nächste Hamburgfahrt vor. Reinhard nicht rehafähig? Ein Platz in Ilses Heim hat sich für Montag ergeben – erstmal die beste aller Möglichkeiten. Inzwischen aber hat er den Norovirus – Verlegung verschoben. Vollmacht unterschrieben. Nie ist jemand erreichbar, Kommunikation unterirdisch mit diesen Einrichtungen. Michael bleibt hartnäckig dran; sagt, es fließe ihm jetzt Energie zu, da Reinhard ihm zunehmend vertraut. – Beiläufig niederschwellige Geburtstags-Möglichkeiten eruiert: Peergruppe, Schreibgruppe, Wilhelminen – fast niemand ist da. Vereinzelte Frauen aber würfele ich nicht zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Einen Zusammenhang zu kreieren fehlt derzeit die Power. Aus einem gestrigen Telefonat mit Susanne hat sich eine Verabredung in unserem Poeteneck ergeben unter der Prämisse „alles wie immer“ – der Stoff geht ja nicht aus. – Heute Bärbel F.s 80. Geburtstag. An Fronleichnam frisch und munter, optisch eine „bezaubernde Jeannie“, liegt sie jetzt mit Lungenentzündung im Krankenhaus. Kritisch.

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