20-04-25-CoTaBu-Lesefreud und Leseleid-„Julia“
Bedeckter Himmel klart auf, Straße trocken, kein Tropfen Regen über Nacht. Ich habe schon ausgiebig in Olga gelesen, Gesang der Fledermäuse neigt sich dem Ende zu. Diesmal leide ich besonders unter Einsamkeit in meinem Leseleben. Vielleicht sollte ich mir eine Puppe als imaginäre Freundin hinsetzen? Wie kann ich diesem Missstand abhelfen? Michael zeigt nicht immer die gewünschte Resonanz. Beate hat sich mit mir zur Lesestunde verabredet. Nach dem Lesen müsste vor dem Lesen sein! – Meine Wüte sind besänftigt. Guter Dinge weiß ich kaum mehr, wo der Schuh gedrückt hat. Vorübergehend. Gestern wie ein Kind, das zum Ostereiersuchen geschickt wird: Blick in unseren Blog. Heute will ich eine Petition schreiben. Ob ich es auch mache? Aufräumen glaub ich mir selber nicht. – Gestern Aufnahme einer Patientin, die ich aus der Literatur kenne, die als junge Frau Mann und Kinder bei Unfall verloren hat. Ich kenne sie aus mehreren Telefonaten. Sie selbst, das ambulante Team und die Freundin. Selten solch skurriles Durcheinander erlebt. Vollmacht nicht unterschrieben, die angeblich Bevollmächtigte ist nicht bevollmächtigt, die Bevollmächtigte, von der die andere nichts weiß, traut sich nicht aus dem Haus. Freundin am Telefon findet Stift nicht, als sie Stift hat, fehlt Brille, 5-stellige Telefonnummer kann nicht stimmen, bei Nachfrage korrigiert sie, Nummer ist wieder falsch. Telefon hat Wackelkontakt. Seit Tagen teils zweimal täglich Noteinsätze, da will sie zu allen Bedingungen kommen, dann „hat sie es so nicht gesagt“ und macht Rückzieher. Sie heißt Edeltraud, wird aber Julia gerufen.
Wenn ich Edeltraut hieße, würde ich mich wahrscheinlich auch umbenennen. Gab es Zeiten, in denen du regelmäßig Lesefreunde hattest? Wem hast du früher vorgelesen?
Ich bin mit einer vorlesenden Mutter groß geworden, am liebsten ziehe ich den Zauberberg heran, den ich als vielleicht 8-oder 9-Jährige von ihr gehört habe; aber auch Kleist, Hauff, alle Literatur war da und wurde genutzt; habe ab 15 Jahre viele Jahre mit Ingo gelesen, vorgelesen, vorgelesen bekommen; mit Peter kamen die Inhalte nicht zur Deckungsgleiche und es waren später die Jahre der kleinen Kinder. Michael findet, ich habe ihm das Lesen abgenommen, es von ihm genommen. Ich habe wahnsinnig viel meinen Kindern vorgelesen, am meisten Fabian. Ich bekomme, so wie ich Füße kraulen brauche, manchmal ausgesuchte Texte jetzt von Jakob. Simon natürlich war der perfekte Zuhörer, Jakob der anspruchsvolle Philosoph mit exclusiven Beiträgen. Beate liest mit mir, wenn auch viel zu selten, aber dann auch „mit Füßen“. Von ihr bekomme ich manchmal Bücher, die auf meine Lebenssituation abgestimmt sind wie z.B. den 1200 Seiten Roman von Auster 4-3-2-1 nach Simons Tod oder Knausgard nach meinem Master. In der Andacht lese ich anderen wunderbare Texte vor. Es ist mein Lebenselixier, Lesen und gehört Werden und das Teilen.