20-10-27-CoTaBu-Erschöpft vom Zerrbild der Aufopferung

Gestern geträumt, ich hätte gehustet und mich real kaum zur Arbeit gewagt. Vom Tod Oppermanns erschüttert. – Zum Schreiben abends zu negativ bewegt – etwas hing und hängt nach. Es ging um eine Patientin, die uns diese Überhöhung entgegenbringt: sie kommt „von der Vorstufe zum Paradies (Palliativstation) ins Paradies (Hospiz)“. Ihre bevollmächtigte Freundin im Vorgespräch bohrend, misstrauisch, alles „en Noblesse“, steigerte sich in Szenarien vom „Todeshungern“ (Sterbefasten) – die Patientin isst gerne und mit gesegnetem Appetit, sie müsse auf Medikamente „einen Blick haben“, „kontrollieren“, ohne etwas davon zu verstehen, will alle ins Gebet nehmen ohne einen Tag der Erfahrung abzuwarten, „droht“ mit Dauerpräsenz, hat alles versprochen von Schmerzfreiheit bis Würde, was nicht in ihrer Hand liegt; so musste ich spiegeln, sie drücke bei mir gewisse Knöpfe und gestattete mir die Frage, ob sie der Patienten, mit der sie alles „gleich nochmal durchgehen und besprechen“ wollte, nicht ein wenig übriglassen wolle für ihr Aufnahmegespräch, Luft lassen für eigene Formulierung von Bedürfnissen und Wünschen. Man musste glauben, diese sei nicht in der Lage. Sie soll aber glasklar sein, vorbereitet, voller Zuversicht und der Sprache mächtig. Hier etwas Vertrauensvolles entstehen zu lassen hat mich Substanz gekostet. Ich frage mich, in welcher Welt Menschen leben. Wissen sie nicht, dass auch der jeweils andere, dass auch ein System wie das Hospiz eine Seele hat? Sehen sie nicht, was außenrum geschieht? Könnte das Weltgeschehen nicht von Egozentrik erlösen? Bedeutungsgewinn durch Aufopferung an eine Kranke, ein wiederkehrendes Thema, etwas edles Archaisches, zum Zerrbild gesteigert.

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2 Antworten

  1. Ines sagt:

    Sagenhaft schwierige Gesprächsführung mit so einer Person. Sie scheint sich über ihre aufopferungsvolle Art zu definieren und wäre wahrscheinlich gekränkt, wenn sie die Rolle nicht mehr einnehmen dürfte.

  2. Renate sagt:

    Ich habe deinen Eintrag gelesen und verstehe deine Erschöpfung. Egozentriker wird es immer geben. Du hast manchmal schon ein schweres Amt.

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