21-05-02-CoTaBu-Langeweile, Coronablues oder Altersdepression?

Ich komme schier um vor Langeweile. Das einzige Ereignis des Tages war ein Telefonat mit Beate. Durch diesen Vorsprung weiß ich schon, was ihr anderen fragt. Mittags vorzüglich bei Michael gespeist. Bewundert, in welcher Farbe er mein Regal eingefärbt hat. Die Truhen, die beidseits vom Bett angebracht werden sollen, sehen aus wie Särge, sagt er. Mich stört das nicht. Ich hätte gern so einen, wenn ich einmal an der Reihe bin. Aber heuzutage ist es m.E. nicht gestattet, sich die letzte Ruhestätte selber zu zimmern. Sollte Michael mich überleben habe ich die Bestellung also aufgegeben. Alles geht langsam voran. Die Bibliothek, die mein Bett einrahmen sollte, ist jetzt zu einer Regalreihe geschrumpft. Was tue ich mit deckenhohen Regalen, zu denen ich nicht hochreiche? Müsste ich andere Regale abbauen? Oder hunderte Bücher dazukaufen, um sie zu füllen? Jedenfalls geht es wie bei Tanquilla Trampeltreu, Schritt für Schritt. Ansonsten: Bett frisch bezogen; Wäsche gewaschen, Spülmaschine ausgeräumt; Malina gelesen, geschlafen, wieder gegessen. Zwischendurch befallen mich unliebsame Gedanken. Alles, was mir übers Altwerden begegnet, deprimiert mich und fängt an, mich anzufechten. Beruflich empfinde ich zusehends Nutzlosigkeit, wenn ich bedenke, was ich an dieser Stelle einmal getan habe und was ich jetzt tue. Corona bedingt streckt sich mir der absteigende Ast vor der Zeit entgegen. Wie deprimierend wird es sein, dort eines Tages die letzte Wagenladung an Herrlichkeiten rauszutragen, die ich für dort angeschafft habe, aber längst gar nicht mehr brauche. Die Tür hinter mir zuzuziehen, als hätte es mich dort nie gegeben? Kürzlich kam eine neue Kollegin in mein Büro und staunte, wie „bunt“ das sei. All die Relikte aus Zeiten von Fortbildungen, Gruppen, Andachten, Kursen. Alles dahin. – Michael gibt mir gerade telefonisch einen Tritt in den Hintern: wenn wir rausgehen, sei es bestimmt gleich vorbei mit dem Blues.

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4 Antworten

  1. Ines sagt:

    So langweilig klingt dein Tag nicht. Was hättest du noch gebraucht, damit er kurzweiliger wird? Ich finde deine Arbeit immer noch total wichtig, bekomme durch den Blog erst mit, was du für kompetente Gespräche führst. In keinster Weise nutzlos.

    • Heike sagt:

      Es war v.a. die Stimmung und ein wahnsinniges Herumhängen. Es lässt sich beschreiben: Wäsche. Oder Essen. Wie aber beschreibe ich diese Nullrunden, den Tiefpunkt, das Einschlafen vor lauter Nichtstun? Die üblen Gedanken? Es war echt übel heute.

  2. Beate sagt:

    Wir scheinen in einer ähnlichen Krise festzuhängen. Was hat Bestand? Was braucht es noch? Ich denke oft an meinen Vater. ich wollte ihm neue Sachen kaufen, weil er rumlief wie ein Sandler. Er: Siehst Du nicht? Ich sterbe bald! Die Nullrunden sind in der Tat eine Qual

  3. Renate sagt:

    Lange Weile oder Langeweile. Gefällt mir immer wieder, sie so zu betrachten. Langeweile ein Zustand vorübergehender Trägheit. Wenn ich lese was du in diesen Tag alles gepackt hast, kann ich keine Trägheit entdecken.

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