22-07-03- Krankenlager, Stillstand vor dem Endspurt + Tode: eine Mutter, Mütter und eine von uns

In der Nacht auf letzten Samstag rief mich Gregor aus dem Hospiz an. Er springe gerade wieder ein. Ob ich es vertretbar fände, wenn er diese Woche freinähme, die einzig mögliche auf weiter Flur. Diese Frage hatte damit zu tun, dass Schwester Therese, die im Januar angekündigt hatte, bis März für ihre Planung bzgl. der Ehrenamtlichen zu brauchen, erst im Mai auf uns zukam und jetzt endlich ein Termin anstand. Jetzt unsererseits die zweite Absage. Mutmaßlich sauer darüber hat sie mir die nicht bestätigt. Deshalb schwang ich mich ins Hospiz auf, obwohl ich Temperatur, „Luftröhre und Hals“ hatte. Sie erschien nicht. Ich strich die Segel mittags, ließ also Sonja allein für die ganze Woche. In meinen Verrenkungen und schlechtem Gewissen stehe ich ihr kaum nach. Statt auf Whatsappnachrichten wie sonst mit Herzchen und Sternchen hat sie manchmal tagelang nicht reagiert. Das kenne ich durch ihr Verhalten ihrem Mann gegenüber. Wenn der nicht die Gefühle hat oder äußert oder ihre Bedürfnisse nicht genug verinnerlicht, dann bekommt er auch Sanktionen. Er soll dann nachdenken oder zur Therapie gehen. Sehr froh stimmt mich, dass ich das nur noch fünf Wochen ertragen muss. Morgen kommt also Anna; ich mit der Bestattung im Hinterkopf, sie mit angerissenen Bändern. Liege ich unablässig wegen allem Möglichen flach, reißt, zerrt und bricht sich Anna häufig ihre Glieder. Sie ist sehr dicke mit Sonja, da bin ich gespannt wie das wird. Ich halte Anna für unkompliziert und diplomatisch. Überempfindlichkeiten und Neurosen kann ich mir augenblicklich (noch) nicht vorstellen. Diese Woche ging es bei mir vordergründig um Hals; Bronchitis; Schnupfen, Bindehautentzündung, Kopfweh. Immer leicht Fieber. Infektionssprechstunde (2x) ist: Totalvermummung und keine echte Kontaktaufnahme. PCR-Test von Freitag negativ. – Reinhard musste die Beerdigung absagen und schickte Bilder klaffender Sturzwunden seiner Frau. Wir rätseln immer, wie dieses Störungsbild heißen könnte und landen wieder bei „erweiterter Hypochondrie“. Zugegeben ist sie schwerkrank. Aber so ein Bild unter „schwierigen“ Brüdern? Selbst nach jahrelangen Sendepausen herrschen sofort zwei Themen vor: Krankheiten und Geld. Bine hat abgesagt. Wie sollte es gehen, ohne Anstecken oder irgendwie zu „stören“? Mittenwald (Elmau) mit dem Besuch zu verbinden, war eine Schnapsidee – 18.000 Polizisten und kein Quartier. Zudem hat sie seit den Impfungen schlimmste Ausschläge; so geht man ungern unter Menschen. Die Frau von Ernst, einem Cousin, trötete: „Mir ham Corona. Mir kommet trotzdem: Mir sagen`s keunem!“. Nach kurzer Verschnaufpause, in der es Michael buchstäblich den Magen umdrehte, wollte er schon alles für alle absagen. Aber dann verordnete er zu- Hause-bleiben. Egozentrisch? Rücksichtslos? Privates Freiheitsverständnis? Kein Gedanke, was dadurch ausgelöst werden kann? – Heute letzte Gelegenheit gesund zu werden vor diesem Marathon morgen und vor dem Endspurt. Als gestern Ursula kam und ich meinen Saustall gangbar machen musste habe ich gespürt, wie weit es noch fehlt. –

Übergeordnet dem, was heute Klein-Klein heißt: Hochinteressant, auch anrührend, wie Menschen auf den Tod einer Mutter reagieren. Eine in Michaels Straße, die an seiner Brust schluchzte, kannte seine Mutter kaum oder gar nicht. Er sann darüber nach, da müsse „noch was anderes sein“. Jakob brauchte für die Schule eine Befreiung. „Da fing die Direktorin an, über ihre Mutter zu sprechen.“ Das Mutterthema, sei die eigene gut oder böse, anwesend oder abwesend gewesen – es ist archaisch, betrifft jeden Menschen und berührt unsere tiefsten Schichten.

Eine erschütternde Nachricht. Eva, eine 40-Jahre verbundene Freundin von Michael, ist gestorben. Sie war schon lange an Lungenfibrose erkrankt, hatte die letzten Corona-Jahre eher zurückgezogen gelebt – sehr im Kontrast zu ihrem kontaktfreudigen Wesen in einem immervollen Haus. Lag jetzt wochenlang im künstlichen Koma. Einzige Chance: eine neue Lunge. Diese kam. Es ging ihr gut, sie war bereits auf Normalstation. Da brach der Kreislauf zusammen. Alles vorbei. Ich habe sie (im Gegensatz zu Michael) seit vor Corona nicht mehr gesehen, damals zu viert um den Maisi, von ihr und ihrem Mann wunderbar japanisch bekocht. Sie – der Mittelpunkt eines ganzen Kosmos! Unvorstellbar. Alles war gelungen! Für mich die wesentliche spirituelle Frage bei Organtransplantation. Was, wenn die Stunde geschrieben steht? Kann/darf ein fremdes Organ überhaupt ein Segen sein? – Wir können es nicht fassen. Auch wenn sie ihre Prognose um Jahre überlebt hatte. Damals hat sie gesagt: Ohne mich.

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Nur noch 5 Wochen!!! Das geht ja ratzfatz. Im Moment zerbröselt es dich ganz schön. Hoffentlich bist du zur Beerdigung auf dem Damm. Wir ham Corona, aber sagen es keinem, ist doch echt der Hammer. Als wenn es dann ungefährlich ist, wenns keiner weiß. Was für eine emotionale Achterbahn muss die Familie von Eva durchgemacht haben. Nach schwerer Krankheit bekommt sie ein neues Organ, alles scheint gut, und dann stirbt sie. Der Gedanke mit der Stunde, die geschrieben steht, liegt nahe.

  2. Renate sagt:

    Ohne Herzchen und Sternchen geht dann doch etwas ab. So sieht Sonjas „Strafe“ aus. Deine letzten Wochen, du, nicht ganz gesund, Anna lädiert, Spannung mit Sonja und Sr. Thereses Nicht-Reaktion.
    Die Coronaaussage von Michaels Cousin ist der Hammer. Ich glaube jeder Mensch kommt mit einem Lebensplan auf diese Welt, in dem festgelegt ist wann die letzte Stunde kommt. Nur so kann ich mir den Tod, nicht nur dieser guten Freundin von Michael, erklären.

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