2022-07-10-Anni zu Grabe – 1. Woche Einarbeitung Anna (positiv) – segensreiche letzte Klostereinkehr

Ich mag mich schon gar nicht hinsetzen, weil es mich so stört, eine Woche in eine einzige Seite zu packen. Wie nur soll ich meinen ersten montäglichen Einarbeitungstag mit Anna erzählen? Wie bringe ich ihren Bänderriss mit Annis Beerdigung um 14:15 unter einen Hut? Michaels Klarinettenspiel am Grab; seine widerständige, bald 80-jährige Cousine, die gegen alles opponiert, u.a. die Rose verweigert, die jeder für die Vase am Grab bekam; beim Vaterunser, das ich riskiert habe, fünf Schritte zurücktritt? Wie beschreibe ich in drei Worten die unglaubliche Anstrengung, Schulter an Schulter mit Anna, die sehr wertschätzend und aufmerksam ist, aber durch und durch die Krankenschwester, die jetzt Sozialarbeiterin sein will und den Rollenwechsel vollbringen muss, aber von allen noch als die wahrgenommen wird, die sie ein paar Jahre bei uns war, die auch eine andere Arbeitshaltung mitbringt und noch nicht recht anbeißen will, wenn es um Abende oder WEn geht, die standardisierte Abläufe zu erfassen sucht, die es bei mir kaum gibt oder so verinnerlicht, dass ich die Theorie dahinter vergessen habe. Sie kommt aus einem Studium (3 Jahre) mit ganz viel Adminstration, hatte noch nie eine Gruppe; ich dagegen hatte damals viereinhalb Jahre von allem Anfang an begleitend zu den Vorlesungen sogenannte „Methoden“, Gruppe jedweder Couleur, Psychodrama, Sozialtherapeutisches Rollenspiel, Musiktherapie, Kunsttherapie, Familientherapie. Sie war noch nie in einer Gruppe, hat kein Wort Theorie dazu gelernt, auch nicht Kommunikation. Sie kann natürlich einiges von ihrem Grundberuf her. Wie schildere ich das endlich stattgefundene Gespräch mit Therese und ihrer 27-jährigen Nichte, die jetzt ihre Stellvertreterin ist, mit Gregor und Anna, die keinerlei Vorstellung von diesem Konstrukt bekommt, zumal ja „verdeckt“ kommuniziert wird! Wie das Glück, dass ich nach der Absage Pisarskis diese – wie ich inzwischen kapiert habe – Berühmtheit aus Tübingen auf dem Gebiet altorientalische Musiktherapie bekommen habe, mit der soeben mein letztes Themenwochenende „Du sollst ein Segen sein“ glücklich hinter mir liegt. Summen, singen, tönen, mehrstimmig, bewegen, atmen, aber auch japanisches Heilströmen, mit mitgebrachten „heiligen“ segensreichen Texten durchwirkt, einmal eine Einheit Schreibimpulse, die klagende Flöte, die Rosshaargeige, die Taoharfe, das Wasser, Schaffelle, tiefinnige Gemeinsamkeit. Und dass wir komplett blieben, obwohl wir ohnehin eine Coroanabsage hatten (Renate H.), Ingrid am Samstag planmäßig abreisen musste und Anna sich bereits nach dem ersten Abend gleich in der Früh positiv getestet hat. Im Armstorf von den Schwestern empfangen wie eine Freundin, Umarmungen, Winni hat die Schwestern auf die Hände geküsst, mein lieber Davor, der in seiner Heimatsprache eine Art innigste Arie gesungen hat, der alles erfüllte, was ich ihm schon bei der ersten Begegnung angespürt habe und weswegen ich ihn auch schon vor Monaten zum WE eingeladen  hatte. Gregor nach vielen Jahren auch dabei. Es war segensreich, es war umwerfend, alles singt, klingt, tönt und strömt in mir. Sogar Sonja war dabei, sie hat sich allerdings schwer getan und ich hoffe, sie bereut es nicht. Morgen früh erst testen, dann die zweite „Einarbeitungswoche“ ohne Anna, (also Pause für mich), hoffentlich bleibe ich gesund. Ich saß schließlich bei der Hinfahrt mit ihr und Gregor im Auto und eine ganze Woche dicht an dicht im Hospiz. Mein buntes Programm von Hausbesuch über Gruppe bis zu Tag der offenen Tür am Samstag jetzt also ohne sie. Wenn ich jetzt ins Bett gehe will ich noch meine Finger strömen. Geschlafen habe ich in Armstorf schlecht. 36 Atemzüge am offenen Fenster (ich habe von allen den langsamsten Atem gehabt), 27 Sehnsüchte. Hinten hoch, vorne runter! Sogar einen Gemeinschaftsspaziergang habe ich gern mitgemacht. Das Tempo hat sich mir angepasst. Ebenso die Tonart. So konnte ich manchmal eine Stimme ganz allein halten, habe sogar zweistimmig improvisiert. Mich gewagt! Reine Vertrauenssache, vielleicht die Frucht von achtzehn Jahren?

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Oh, das Wochenende hört sich sehr schön an, auch in Kombination mit den Fotos und Videos, die du geschickt hast. Wenn Anna positiv ist, wird die Einarbeitung noch warten müssen. Am Abend und am Wochenende zu arbeiten, Kurse zu leiten etc muss man mögen, ich kann nachvollziehen, dass sie nicht scharf darauf ist. Hoffentbleibst du von Coronaviren verschont.

  2. Renate sagt:

    Du schaffst es die Vorkommnisse einer Woche, trotz deines Unmuts darüber, treffend und nicht zu kurz in Worte zu fassen. Durch unsere Telefonate bin ich zu fast allem informiert. Dass die 27jährige eine Nichte von Sr. Therese ist, ist mir neu. Wie die sehr verkürzte Einarbeitungszeit von Anna sich auswirkt wird sich zeigen. Da es keine Patentlösungen und vorgefertigte Muster gibt, wird Anna Neues entwickeln müssen. Deine Arbeit kann sie nicht einfach mal so übernehmen.

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