22-10-22-Erste Fußwege – Besuch mit Dürüm – bunte Literaturen + der tiefe Fall der Sr. Therese

Den ein oder anderen Gehversuch habe ich gewagt. Ich hatte von meiner laufenden AetasSchreibGruppe, die sich derzeit gegenseitig künstlerische Grußkarten schickt, hübsche Exemplare bekommen. Davon angesteckt meinerseits geschrieben – im Zuge dessen die Gruppe auf Zuwachs vorbereitet – und zum Briefkasten gebracht. Unterwegs schob eine Frau ihren Rollstuhl: „Da samma sche ramponiert, mir zwoa!“. Andere sagen, sowas hatten sie auch mal und vertiefen das mit Glück nicht weiter; ein Mann: „Das kommt alles vom Fußball“. Viele wünschen gute Besserung. Kleinigkeiten besorgt, was in Qual ausartete. Vorgestern nach Ewigkeiten den total vereisten Kühlschrank abgetaut und geputzt, waghalsig zwischen Eimern, Lumpen, Gefriergut und herausgeholtem Korb zwar gesessen, aber mancher Schritt ist unvermeidbar, alles Fallstricke, Gefahrenherde. Abends war ich trotzdem frustriert, Putzen macht nicht glücklich und auch Lesen kann überhand nehmen. Gregor hatte mich besucht, Michael kam hinzu. Kaum war Gregor zur Türe raus habe ich schier geweint, gejault vor Schmerzen. Vielleicht reißt man sich unwillkürlich zusammen? Außerdem wollte er einen Videorecorder anschließen. Ergebnis: Jetzt funktioniert der Fernseher nicht mehr. Sonst war es schön bei Dürüm und Bier. Vorreiterin war Renate gewesen; Petra einsatzbereit. Bine überlegt, ob sie kommen soll – ich bin da immer vorsichtig. Heute Nacht erstmals nur aus dringenden anderen Gründen aufgewacht, nicht wie sonst, um mich umständlich mit dem Stiefel zu lagern. Entweder bin ich liegengeblieben wie eingeschlafen, oder ich habe es erstmals „im Schlaf beherrscht“.

Meine literarischen Streifzüge durch „Blau“ anhand des Philosophen Goldstein sind faszinierend: Miniaturen über Elses Blaues Klavier, über Yves Kleins Blau (IKB), über den Blauen Planeten, die blaue Stunde, Jim Morrison, Albert Camus – Kapitel für Kapitel. Noch kann ich mich nicht entscheiden, welchen Ausschnitt ich am Sonntag wähle. Oder doch aus Poschmanns Hundenovelle? Kae Tempests „Verbundensein“? Die aktuellen Preisverleihungen betrüben mich. Folgen die Jurys dem Diktat der Medien? Von Kim de L`Horizon hatte ich vor der Preisentscheidung eine Leseprobe gelesen; sprach mich wenig an. Er erinnert mich so an Daniel Kübelböck! Dass wir vor zwei Jahren Ines noch gefragt haben, was nonbinär heißt!!! Zunächst verkörpert er für mich den Mainstream einer Generation, wer weiß, wie ich darüber in ein paar Jahren denke. Gestern erreichten mich Annie Ernaux` „Erinnerungen eines Mädchens“, mal über „sie“, mal aus der „ich“ Perspektive. Ein berechtigter Blick nach Jahrzehnten des Schweigens auf eine lebensprägende Jugenderinnerung 1958. Bemerkenswert, wie sie ihre eigene Erinnerung recherchiert bzw. die Recherche akribisch dokumentiert („die Erinnerung ist eine wahnsinnige Requisiteurin“, S. 36). Aber ein Nobelpreis weckt bei mir die Erwartung auf ein ungewöhnliches Sprachereignis. Noch bin ich erst in der Mitte. Aber wie es sein kann, dass sich zwei Preise, zumal dieser allerhöchste, den Erwartungen der meinungsbildenden und meinungsgebildeten Masse vollständig anpasst? Geht es nicht um Literatur? Was ist ihre Aufgabe? Ist nicht auch Schreibenkönnen, eine gewisse Poesie in der Sprache, ein neuer Stil ein Kriterium? Ist in der Kunst, der Literatur nur das relevant, womit wir ohnehin das Hirn gewaschen bekommen? Dennoch – diese Frau hat laut Medien ihr Leben lang mit dem Instrument der Schriftsprache gekämpft und verdient Respekt. Schade, dass ein „normaler“ Mann heute kaum mehr eine Chance in dieser Szenerie hat. Sie bezichtigen sich jetzt selbst, alte weiße Männer zu sein, als sei es eine Schande per se und ihre Schuld. Das schürt wiederum Hass und muss kippen.

Ein dickes Briefpaket von Sr. Therese. Dreizehn Briefe: Gehaltszettel, Nachweise für Sozialversicherung, Lohnsteuer. Der älteste von Oktober 2020. Ein illustres Zeugnis. Dazu eine Karte, vor fünf Wochen angefangen, die abrupt abbricht – vor Tagen ein Ende dazufügt. Sie schreibt: „Da war meine Kraft zu Ende.“ Zuletzt war aufgeflogen, welcher Wahnsinn sich unter ihrer Regie abgespielt hat. Sie wurde, nachdem sie jahrelang wie eine heilige Kuh „von oben“ als unfehlbar vergöttert worden war, Hilferufe ihrer nächsten Kolleginnen ignoriert worden waren, letztlich gestürzt und „gegangen“. Mir ging es mit ihr immer sowohl als auch. Sie hat mich aufgerieben, ich habe mich dagegen abgegrenzt und hatte auch gehörige Wüte. Renate hat mich einmal schimpfen hören: „Diese Scheißkuh!“ Sie hat mich auch hängenlassen. Aber ich mochte und mag sie, sie hat Tiefe, ist inspiriert und fantasievoll. Bei meinem Abschied in Christkönig habe ich auch öffentlich gesagt: „Sie küssten und sie schlugen sich.“ Ich wollte ihr schreiben. Ihr Email-Account ist geschlossen.

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2 Kommentare

  1. Beate sagt:

    es sind so viele Themen, die Du im Absatz über Literatur ansprichst – die Vorlage für eine abendfüllende spannende Diskussion. Annie Ernaux habe ich heute nachmittag dabei – ich lese gerade das dritte Buch von ihr: „Das Ereignis“. das Thema Abtreibung, gerade in Amerika politisch hoch brisant.
    Was Du über Sr.Therese schreibst, klingt erschütternd und auch wie eine letzte Bestätigung Deiner sich über Jahre hinweg immer wieder aufflammenden Wut. Erschütternd, weil sie sozusagen „entlarvt“ dasteht mit dem Ergebnis, dass sie ihren Account abgemeldet hat….

  2. Renate sagt:

    So kann fast eine Jede oder ein Jeder einen Beitrag zum Thema Verletzung beitragen. Du scheinst dich an das Ungetüm an deinem Fuß nachts zu gewöhnen. Blöd dass der Fernseher nicht mehr funktioniert. Das Sr. Therese so einen üblen Abgang hatte tut mir leid.

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