22-10-29- Ein Leben in Büchern – Traum, Fabianisches, Fuß- + Schreibaussichten
Annie Ernaux zusammen mit ihrer Hoogenerin in Briefumschlag an Gertrud gesteckt. Es wird mein einziges Buch der Nobelpreisträgerin bleiben. Die Themen waren brisant, seit die Emanzipationswelle einem Bewusstsein dafür den Weg bahnte. Ernaux macht die Nabelschau im Rückblick; das Sehn-Süchtigwerden nach Erfahrungen, die heute als missbräuchlich gelten. Der Stoff dürfte für die Gesamtheit der weiblichen Bevölkerung einer bestimmten Zeit zutreffen und wurde schon unendlich bearbeitet. (Ob es wohl ein literarisches Pendant für die Erlebniswelt der männlichen Hälfte gibt?). Ernaux betont die Wichtigkeit des Schreibprozesses für sich selbst. Ich habe es durchgehalten, weil es mit 160 Seiten endlich war, kann ihrem Stil nichts abgewinnen. Derweil „Moos“, Novelle von Klaus Modick von 1984: Ein Botaniker, der gegen Ende des Lebens selbst Teil der Natur wird, vermoost; Mischung aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die immer bedeutungsloser werden zugunsten traum- und tranceartiger Assoziationen, Erinnerungen, Wahrnehmungen. Das zaubert mich an, zumal ich noch ganz im Kielwasser des Nature Writing schwimme! Ein kleines Büchlein, basierend auf (fiktiven) Aufzeichnungen des todesnahen Mannes, der von außen gesehen wunderlich wird. Als Leserin werde ich kunstvoll in die Metamorphose hineingezogen, damit versponnen. – Dann „Laubwerk“, woraus es in Hückeswagen schon eine Leseprobe von Marion Poschmann gab, deren „Baden bei Gewitter“ ich dagegen auf halber Strecke liegenlasse. „Kieferninseln“ bestellt, worin ich Einigem begegnen werde, das ich von der Beschäftigung mit japanischer Dichtung kenne. Zwischendurch „Nimbus“, Gedichte von ihr, abgefahren, verrückt. Krönung: ein Sonetten-Kranz! Samstag, Jurek Beckers „Schlaflose Tage“ – völliger Ausreißer zur Überbrückung – bis das Eigentliche weitergeht. Ich ergebe mich dem Lesenmüssen und realisiere, dass ich nicht nur aus Beständen schöpfen kann, sondern der organischen Entwicklung des einen aus dem anderen folgen muss. Bemühe mich, secondhand zu kaufen, möglichst von Privat. Adoptiere Bücher. Verdränge die Sorge, wohin mit allem. – Wort des Jahres: „Smashen“. Nie gehört. Gefolgt von „bodenlos“ und „Macher“. Verstehe ich nicht, was ist besonders daran? Lese gerade in einem Vorwort lauter Wörter, die gut ins unser Abgedroschenes gepasst hätten. Diskurs. Debatten anstoßen. Mehr denn je. Neue (Fremd-) Wörter gelernt: Anthropozän. Assemblage. Zoonose. Das erste davon „entstand als Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche.“ – Was würde nur aus mir werden, wenn ich nicht diese WortWelt um mich hätte?
Mittwoch – Orthopäde – weiter so. Ab jetzt Lymphdrainage (ätzender Kampf um Termin!). Ab jetzt – eh schon passiert – zu Hause mit Stiefel, aber auch mal ohne Krücken. Der Stiefel – immer wieder quälend – sei die maximale Therapie, ein Gips noch belastender. Auf dem Heimweg blieb der Bus am Rotkreuzplatz stehen. Da schwang ich mich rüber ins Jagdschlössl, genoss ein Pils mit Ente – welche Freiheit – nette Sitznachbarn! Dienstag – Kaffeebesuch von Ingrid bis abends, freudiges Wiedersehen nach Monaten. Das Hospiz kein Gesprächsthema, dagegen Ordnung, panierte Steinpilze, magische Heilmethoden, Lesen, wie wir worauf stoßen, der Mond, die Sterne, orthopädische Dinge. Bärbel – Ehrenamtliche – hat wegen adventlichen Schreibens gefragt. Wir haben uns auf den 1. Advent bei ihr daheim geeinigt. Jakob zurück aus Nizza. Morgen, Sonntag, kommt Bine bis Donnerstag.
Traum von Holzkirchen, alle wollen ins Bad, ich bekomme den Vortritt. Es ist warm und luxuriös! Ich beeile mich, kämpfe mit meinen Klamotten, bekomme sie nicht ausgezogen, bis plötzlich die ganze Sippe im Bad steht. Selbst die Seife kommt mir erlesen vor, derweil steht REWE drauf. Morgendlicher Blick aufs Handy: Fabian whatsappt, hat ein Märchen geschrieben, brennt darauf, es uns vorzulesen, weiß, wem er es widmen muss: Frau Menge, Omamas Putzfrau (von vor 35 Jahren). Im Erwachen streift mich der Gedanke, dass nicht Pari „dazwischensteht“, sondern dass sie vielleicht das letzte Band ist. Auf dem Heimweg vom Arzt an der Tram eine Frau gesehen, die vor vierzig Jahren, als Fabian Kleinkind war, mit ihrer Tochter regelmäßig am Maßmannspielplatz saß. Ähnlich überschminkt und aufgespritzt wie Friederike. – Ich träume gerade täglich bzw. erinnere mich auch daran.
Die Zeilen, die du mir aus „Moos“ vorgelesen hast, haben mich sehr beeindruckt und erfreut. Die Sprache besonders. Die von dir erwähnten, anderen Werke klingen total abgefahren. Nix für mich! Hospiz scheint weiter weggerückt zu sein für dich.
Gut, dass du die Literatur hast, die dir das Leben so reich macht. Zudem die lebhaften Träume. Smashen hatte ich bis dahin auch noch nie gehört. Erste Ausflüge in die Welt mit Fußorthese machen Hoffnung, dass das Bend im Füßchen langsam wieder zusammen wächst.