23-03-12-Raum für Nach-Wirkungen – Leben und Literarisches verweben sich – ein Brief unterwegs

Mich beschäftigen eure so unterschiedlichen Feedbacks auf mich und untereinander, auch manchmal Empfehlungen und Einschätzungen. Höchst kostbarer Aspekt des Bloggens!

Bestimmte Ereignisse, seien es auch „nur“ Fernsehsendungen, bekommen endlich Raum, sich in mir auszubreiten. Sie werden nicht mehr sofort durch Berufliches, durch pausenloses Angehörigen- oder Kollegengespräch überlagert. Allein das Fernsehen bietet fantastische Dinge. Mir ging der Tatort mit dem jungen Tom Schilling und Andrea Sawatzki unter die Haut – ein falscher Verdacht des Kindesmords, der die ohnedies psychisch auffällige Mutter weiter an den Rand des Wahnsinns treibt. Zum Weltfrauentag: Die Unbeugsamen – Doku über einige Pionierinnen lässt großartig erleben, was sich für uns Frauen in den letzten Jahrzehnten Unvorstellbares bewegt hat. Ebenfalls im Zuge dessen – die Spice Girls, die mich nie interessiert haben: welche Frauenpower auch sie (früher) verkörpert haben, wie kleine Mädchen ihnen nachgeeifert und durch sie Selbstvertrauen bekommen haben.

Dann Käthchen von Heilbronn. Diesmal allein im CuvilliésTheater: erste Reihe Rasierloge Mitte, eingekeilt zwischen zwei Paaren, also wenig Gelegenheit, meine Begeisterung zu teilen (wie einst in einer Loge im Burgtheater). Ich habe unfassbare Schauspielkunst bewundert; fasse nicht, wie eine 31-jährige Regisseurin solches vollbringen kann; habe genossen, durchs Programmheft und durch Christa Wolf vorbereitet zu sein (und nachbereiten zu können, denn „Kein Ort. Nirgens“ ist bei mir erst heute Nacht zu Ende gegangen). (Es war sowohl mit meinen, als auch mit Heides Anstreichungen von vor vierzig Jahren versehen). So konnte ich auf der Bühne Vieles wiedererkennen und einordnen, finde es beim Lesen umgekehrt wieder. Das Besondere ist für mich, dass ich in der Schwere von Kleists Künstlerdasein, in der Unmöglichkeit, „ein Amt anzunehmen“, weil ihn das noch mehr zugrunderichten würde, in der materiellen Armut, dem Fremdsein in der Welt, meine Männer erkenne. Welch tröstliche Wirkung da Michael auf mich hatte, der mir das bestätigt und mir sagt, wie unglaublich stolz er auf Jakob und Simon ist, dass sie diese Wege gehen (bzw gingen) und darauf, dass ich das jederzeit unterstützt habe. Als ich Simon aber doch einmal in einer schwachen Stunde antrug, noch etwas wie einen „Brotberuf“ zu erwägen, sagte er: „Dann bin ich kein Schauspieler mehr“. Keine Entscheidung – ein inneres „Müssen“. Es hilft mir also sehr: Kleist, Günderrode, Theater, Gespräch mit Michael. Das alles hat unmittelbar mit meinem Leben zu tun. Ist es doch mein Schicksal – oder frei nach Kleist – bildet das Schicksal vielleicht auch mein Wollen ab? – diesen Männern Frau (Peter UND Michael) und Mutter zu sein, sogar Tochter, denn auch mein Vater war ja „so einer“, der an seinem „Amt“ fast zugrunde ging und ausstieg, unfähig, sich diesen gesellschaftlichen Normen weiter zu beugen. Auch meine eigene tiefe Skepsis gegenüber „Erfolg“.

In Günther Anders‘ Tagesnotizen hineingelesen. Mein ganzes Leseleben verwebt sich zu meinem „Tibetteppich“ (Elses Wort!). Ich kann gar nicht genug jubilieren, dass diese Leidenschaft endlich – nur den Grenzen meiner eigenen Lebens- bzw. Wachzeit unterworfen – leben darf und wie sie mich so ganz erfüllt. Ein reines, tiefes Glück!

Wir haben unsere Spaziergänge wieder aufgenommen, manchmal quälend, dann geht’s wieder. Montag vertraute Aetas-Schreibgruppe. Samstag aufregend:  Auftakt der Gruppe in Alexandras Praxis! Die gehört in die Peergruppe, nur soviel: Ich bin sehr angetan und erfüllt. Schöner, neuer Rahmen! Suche jetzt nach einem Rollköfferchen für diese Zwecke…

Am Freitag Brief an Gregor eingeworfen, per Whatsapp vorgefühlt, ob er ihn lesen wird. Um einen Mühlstein leichter.

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2 Antworten

  1. Ines sagt:

    Es ist herrlich über dein Leseglück zu erfahren., wie sehr du darin aufgehst und für dein eigenes Leben profitierst. Das ist erstaunlich. Für mich ist Lesen ja eher eine Beschäftigung, der ich 15 Minuten am Abend im Bett nachgehe, bevor mir die Augen zufallen. Selten habe ich ein Buch, das mich so richtig packt und mir etwas über mich selber spiegelt. Über die Männer in deinem Leben haben wir eben schon am Telefon gesprochen. Dass dein Vater auch so einer war, der sich nicht in eine Anstellung einfügen wollte, hatte ich vergessen. Ich bin sehr gespannt, wie Gregor auf deinen Brief reagiert und wünsche euch sehr, dass es zu einer Aussprache kommt.

  2. Beate sagt:

    Über Christa Wolf habe ich heute mit meiner Schülergruppe gesprochen. Erstaunlich, wie die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in der DDR das ständige Oszillieren zwischen dem Verordneten durch den Bitterfelder Weg und dem Drang „ICH“ zu sagen gelöst haben. Über die fiktive Begegnung zwischen Kleist und Günderode zu schreiben war für Christa Wolf eine unglaubliche Herausforderung, für die sie damals auch von strammen sozialistischen Kritikern gerügt wurde. Schade, dass ich da schon auf dem Weg nach Arnstadt war! Ich hätte mir das Stück gerne mit Dir angeschaut

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