2024-03-03- Sonntage: Gedanken an Freundschaft + Gedenken an Simon – Leseleben (Briefe) und LeseLounge
Einen Sonntag wie den letzten habe ich noch nie erlebt. Die Wohnung blltzsauber. Nichts gekocht. Nichts vorgehabt. Totenstille. Strahlender Sonnenschein. Nur kurz ins „Zitronengras“. Die rabiate Atmosphäre erinnert an Beates Fußpfegerin. Da will ich nicht mehr hin. Lesen. Sollte mir danach zumute sein, einen Menschen zu sprechen – wer könnte das sein? Bine? Ich rufe ja seltenst jemanden an, mich umgekehrt auch fast niemand. Sie am Schlachtensee, weiß ich per Email. Ich kenne den Ort, wo sie sich Pommes rot-weiß gönnt und welches Buch sie im Gepäck hat. Ein melancholischer Tag. – Dann doch ein Anruf: Ein Ehrenamtler, dem ich zum Geburtstag gratuliert hatte. Hat mich gefreut. – Gedanken über Freundschaft. Gründet sie vielleicht nicht in schönen Stunden allein, sondern eher im aufeinander Bezogensein? Wahl oder Schicksal? Wie steht es um Störanfälligkeiten und deren Bewältigung? Freundeskreis steht auf einem ganz anderen Blatt als Freundschaft. Muss der Kreis ein Kreis sein? Bindung kostet Zeit, Pflege und gemeinsame Erfahrung. Wie ist das mit mir? Zählt überhaupt jemand auf mich? Ich lande bei Schiller. Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein. Oder bei der Bürgschaft.
Wird jetzt dem kollektiven Bewusstsein nach der „toxischen Männlichkeit“ die „toxische Mutter“ eingeflößt? Leicht zu verstehen, was gemeint ist – auch die Literatur ist voll davon. Die Berlinale hat mit „Sterben“ ein neues Beispiel.
Montags klingt Stille anders als sonntags. Tove Ditlevsens „Kindheit“. Ich hatte das für den letzten Literaturkreis angelesen und verworfen. Wie konnte ich das nur so abtun?! Als Teil der Kopenhagen-Trilogie durchaus lesenswert – abgesehen vom abwegigen Vergleich der Fachwelt mit Anni Ernaux. Ein Kind der „Bronx“, das Zuflucht in Worten, Lyrik und im Schreiben findet. Erinnert mich eher an Haushofer, „VolksdichterInnen“; die kindliche Ich-Perspektive nie verlassend oder beurteilend. Protagonistin und Beobachterin in einer Person. – CDs zur Diakonie gebracht, mit Puppenbett und Wiege zurückgekommen. Drei Bücher über Booklooker verkauft. Tatsächlich Telefonat mit Dodo, infolgedessen ich mich auf die Suche nach Vorleseworkshops gemacht und angemeldet habe, mittlerweile der Akademie LeseLounge beigetreten!
Zur Feier der Rückkehr von Michi am Dienstag tische ich auf. Abends Berhards/Peymanns Minetti mit Manfred Zapatka. So schön, gemeinsam heim zu gehen, am Küchentisch zu essen und zu reden. Es fehlt uns an nichts. Wir wüssten nicht, was wir in Luxus anders machen würden. Eigentlich brauchen wir nur zwei Zimmer. – Erstmal dringend „freie“ Tage. „Herzzeit“: Bachmann/Celan. Unglaublich, mit wieviel berühmten Persönlichkeiten sie Kontakt bzw. Affären hatte! Einige sind bekannt, aber Henry Kissinger? Ein poetischer, auch quälerischer Briefwechsel! Dann auch Max Frisch/Celan und Ingeborg/Gisèle. – Uns wird indessen unsere Freiheit bewusst! Ich kann mich verwirklichen mit „allem was Buchstaben hat“, sagt MIchael; zu schweigen von Chören wieder ab nächster Woche! – Freitags Sonja im Pardi getroffen. Von Brigitte erfahren, dass ein Ex-Ehrenamtler gestorben ist.
Kümmernisse sind die Augsburger Wohnung sowie meine ausgeschiedene Schreibgruppenteilnehmerin, die jetzt nach offenen Angeboten fragt. Sie sehnt sich nach wahrhaftigem Austausch, ist auf sich zurückgeworfen. Telefoniert, gemailt und doch Abstand genommen; auf punktuelle Angebote verwiesen, die tief gehen können, aber unverbindlich bleiben. Ich will meiner „bedingt offenen“ Gruppe (und mir) eine Teilnehmerin mit rezidivierendem Fluchtmuster nicht (mehr) zumuten. Eine andere, Neue, hat während einer OP einen Herzinfarkt erlitten.
Die letzten Tage baut sich Simons Sterben auf. Ohne dem gedanklich entgegenzugehen greift „es“ nach mir. Wer oder was ist das? Er? ER? Es? Gestern das Grab gerichtet, heute ergänzt. Ich möchte mit Michael allein sein, diesmal keine Gesellschaft. Mittags unser Interview von 2014 zur Spiritualität angehört. Bewegend, traurig, v.a. auch lustig; hat mich aus meiner quälenden Stimmung geholt. Danach ausgiebig in großer Ruhe am Grab. Vögel zwitschern, Bienen summen, Sonne lacht; Kerze und Weihrauch brennen.
Tröstlich, wie du die heutige Stimmung an Simons Grab beschreibst. Ich hab an euch gedacht.
Wunderschön, wie du dein Glück mit Michael beschreibst. Gespräche am Küchentisch eurer gemeinsamen Wohnung, alles ist da, nichts fehlt.
Deine Gedanken zu Freundschaft kenne ich auch gut. Ich habe allerdings bei dir, anders als bei mir den Eindruck, dass du Freundschaften hast, die auf dich zählen und umgekehrt.
Wer braucht schon Luxus, zusammen essen, reden, schweigen ist soviel mehr. Ich bin froh zu lesen, dass du gestern nicht alleine gewesen bist. Hatte deine WhatsApp so verstanden. Ich bin beeindruckt was du alles liest und machst. Puppenbett und Wiege für den kleinen Sohn von Jonas (heißt er so)? Den Ehrenamtlichen, der verstorben ist, seit Jahren nicht mehr gesehen. Die Socken, von seiner Mutter gestrickt, in Armstorf verteilt, habe ich noch.