2024-06-16-Europa rechtswärts – Thoreau + Kino, Pamuk + Leselounge – Hautärztin + Heike R. – Stimmungen

Spektakuläre Himmelslandschaften – immer zu Nieseln, Sprühen, Gießen, aber auch zum Leuchten bereit. Wann aber war ein Juni je so kalt? – Schockstarre nach Europawahl. Was soll aus uns werden, wenn ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung nach ultrarechts rutscht und erklärt, Rechtsradikalität sei ihnen EGAL? Kann man Faschismus wählen? Weiß der Großteil der Wählerschaft, was das bedeuten kann? Mir wird angst und bang.

Lieber flüchte ich literarisch mit Thoreau in die Wälder, stärke die „Organe meiner Seele“, betrachte mit seinen Augen Aspekte wie Einsamkeit, gegen die die Natur sich als „holde Gesellschafterin“ und als Heilerin „seelischer Gleichgewichtsstörungen“ erweist, lausche mit ihm auf die Musik des Waldes, entdecke Spuren von Besuch, streife durch die Jahreszeiten, übe Bohnenaufzucht, werde mit tierischen Nachbarn (Fischen, Vögeln, Wintertieren), Flora und Fauna bekannt. – Spontan fragt Beate, ob ich Lust auf „Morgen ist auch noch ein Tag“ habe. Ich hatte vergessen, worum’s geht, wollte lachen – weit gefehlt. Ein fantastischer Film mit eindrucksvollen Bildern und kunstvoll abgestimmter Musik zur Verstärkung und Rhythmisierung der Handlung. Nachkriegsitalien mit damaligem Rollenverständnis von Unterdrückung, Gewalt und einem ersten Schritt zur Befreiung. Ein Filmerlebnis mit Tränen und Herzklopfen. Wie schon einmal dient uns danach die Trambahn wie ein gemächliches Karussell zur Einkehr ohne Konsum – einmal Endstation und zurück.

Ich sandle und kruschtele herum – Sortieren von Briefumschlägen, Klappkarten, Briefmarken. – Stippvisite bei Pamuks „Trost der Dinge“ mit liebevoll arrangierten Vitrinen; „NachLesung“ der Begleitbroschüre – das Buch dazu derzeit ausverkauft. Die Ausstellung allzu gut besucht, störende Führungen; ich will nochmal hin – mit Jahreskarte kann ich dort ein- und ausgehen. Inspirierend für mich – (auch hier) die teilweise Verbindung von Schrift und Bild. Schreibanregungen in Hülle und Fülle!! Das könnte ein trefflicher Ort sein – hinterher Lenbach-Garten oder Café Glyptothek.

5-er-Leselounge nach längerer Zeit online. Diesmal spärlich besetzt. Ausgerechnet diejenige ist dabei, die schon „live“ durch mangelnden Blickkontakt, montotone Lesart und ein geradezu autistisches Auftreten auffiel. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft sie vom Bildschirm verschwand, wieder hob sie den Kopf nicht, aber diesmal versuchte sie, die Monotonie durch übertriebenes Verstellen ihrer Stimme zu verbessern. – Den Namen einer Hautärztin mit offener Sprechstunde gesucht, bei der ich schonmal war. Ein Glücksfall, wenn’s juckt oder brennt! Erstbeste Möglichkeit Freitag, naturgemäß entsprechende Wartezeit. Recht sympatisch; hat bei einer Nebenbaustelle gleich Hand angelegt und mich „operiert“, anstatt mich aufs nächste Mal zu verweisen. Natürlich wagt man heuzutage nicht mehr, auf einen Schlag mit ALLEM daherzukommen. Sie sah „Walden“ aus meiner Tasche gucken – kannte es gleich – im Gegensatz zur Leselounge. Dort und mancherorts bin ich mit meinen „alten“ Büchern auf einsamem Posten. – Hinterher Besuch bei Heike R.  –

Während einer unserer seltenen, aber ausgeprägten Missstimmungen brennt Sauerkraut an, läuft Milch über – slapstickartige Missgeschicke, die helfen, alles in Lachen aufzulösen. – Michael bekommt hin und wieder Nachrichten seiner treuen Exnachbarin(nen) über die Sachlage in der ehemaligen Pension Lutz – eine enorm wichtige, beinah greifbar seelische Überbrückungshilfe von einem Lebensabschnitt in den nächsten. Etwas ist vorbei und doch nicht vorbei. An unserer eigenen Erinnerung sowie an Menschen, die auf dem Sterbebett liegen oder – unwissentlich – auf den Tod zugehen, können wir ermessen, WIE WENIG VORBEI Vergangenes jemals ist. –

Während Ursulas neue Tandempartnerin saubermacht bereite ich unser Schreibfrühstück vor; Kuchen fertig, eingekauft sowieso, Text abgetippt. Michael seit Samstag-Mittag in Berlin. Bine rief gerade verzweifelt an. Werner ist unverhofft aufgetaucht, in Pelzmütze und Winterjacke; sie am Putzen und Bettbeziehen für mich. So gehe ich also lieber doch nur am Montag zu ihr und dann zu Michi ins Hotel. Sie muss – wie so oft – erstmal (per Mietvertrag) beweisen, dass das ihre Wohnung ist und nicht seine. – Abends Metropol mit Beate.

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Eine Antwort

  1. Ines sagt:

    Ich hab gelesen, die jungen Erstwähler haben insbesondere wegen der vielen Flüchtlinge und Migranten die AFD gewählt. Mich schockiert das Ergebnis auch. Nun also doch Hotel in Berlin. Ich hoffe, du hast dort eine gute Zeit. Bin gespannt, was du in den Blog schreibst nächsten Sonntag. Übrigens eine super Idee, die Trambahnfahrt auszuweiten, um in Ruhe sprechen zu können ohne Konsumzwang. Herrliches Bild, wie ihr zwei euch durchschaukeln lasst.

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