2025-10-04 – Nachwehe Aetas – Lese und Nachlese – göttlich in Freising – in Vorbereitung auf die 10000 Dinge

Sonntag. Die Aetasgruppe arbeitet innerlich nach. Der ver-rückten Teilnehmerin Einhalt zu gebieten war nicht gelungen. Bevor es losging, hatte sie bereits sämtliche Grenzen gesprengt und sagte hinterher, ich hätte alle fünf Minuten betont (warum nur?), dass wir nicht kommentieren, nicht erzählen, „eine Schreibe ist keine Rede“, (Zitat meines Dozenten Claus Mischon). Sie hatte – sämtliche Ufer übertretend – das ganze Haus fotografiert; Lebensgeschichte, Suizide und -versuche ihrer Familie, Zahlenmystik, Leiden der Mutter, (die zwei Tage vorher beerdigt wurde), Psychiater, Medikamente, Insolvenz, astrologische Betrachtungen, Essstörung mit Gewichtsschwankungen plus/minus 60kg und Psychiatrieaufenthalte „nebenbei“ untergebracht. Wie aber ging es der anderen? Die wollte das ausdrücklich hören, sprang auf „das Anregende“ an. Die „IrrSinnige“ will Trauerbegleiterin werden. Da ist sie bei Frau Bauer-Mehren, die in Bayern Monopolstellung hat und mit ihrem Institut eine goldene Nase verdient, am richtigen Ort. Dieser Kurs ist ein Sammelbecken für viele Berufene, nicht selten von diesem Schlag. Am Schluss wollte sie uns auf die Aussage der anderen, wiesehr diese die Umarmungen ihres Mannes vermisse… umarmen. Die andere nahm das gern an. Die Umarmung war wirklich umwerfend. Überhaupt aufgeschlossen-herzlich, nur krass „drüber“ und maßlos. – Spaziergang zur Blutenburg, als der Himmel kurzfristig aufreißt. Nachschub für die Flyer zum „fremden Kind“ leider ausgegangen.

Diesmal war das Lesen wegen Gabriele auf Montag verschoben, die dann wegen Krankheit ausfiel; deshalb unplanmäßig bei mir – was zu einer Blitzreinigung führte. Das Fehlen Einzelner verdeutlicht deren Position, führt zu atmosphärischer Veränderung. Trotzdem war unser Nachmittag erhebend. Der willkürliche und unwillkürliche Vergleich zwischen den beiden „Meistern“ begleitet uns auf Schritt und Tritt. Hinterher – selbstredend ein Übermaß – Lesung von Martin Pfisterer über Schlingensiefs „Ich weiß, ich war’s“. Statt der angekündigten zwei Stunden gottlob nur eine; sehr lohnend.

Dienstag. Bine hat für Harzers „De Profundis“ am Ensemble Karten besorgt: Es sei die Reise wert – soeben Zug gebucht. Bei allen Pfennigfuchsereien, Zwanghaftigkeiten, immerwährenden Problemen: Über Literatur und Theater tauschen wir uns stets rege aus. Diese Dinge haben auch auf sie rettenden Einfluss, der sie aus ihrem unlösbaren Schlamassel emporhebt. Im Sommer – ganz meine Schwester – kommt Schwimmen dazu. – Heute früh Buch 1, Anna Kerenina lesend vollbracht. Es liest sich flüssig, auch „mit Gewinn“. Alles noch „Aufwärmübung“ für DIE Russen. Welcher unter ihnen es werden wird steht noch in den Sternen.

Mittwoch. Längerer Spaziergang mit Michael am Isarhochufer.

Donnerstag Wilhem-Meister-Nachlese geschrieben und abgeschickt. Ausflug ins hübsche Freising zur Rennaissance-Ausstellung „Göttlich“. Besucherströme walzten. Einer hustete anhaltend und rücksichtslos, ein Grund, etwas früher zu gehen. Sehr ersprießlich wandelte mich an, dass uns gleich im ersten Raum Dante und Petrarca begegneten, wofür ich ohne Göttliche Komödie, die wir kürzlich ein Stück weit vorgelesen hatten, nicht empfänglich gewesen wäre. So begeisterten mich besonders die *mit Dante- bzw Petrarcaversen bestickten Gewandbordüren der ausgestellten Madonnenbildnisse. Entdeckt hätte ich sie ohne die erläuternden Texte niemals. Weitere Favoriten: *Die als Stadtlandschaft gestaltene Rückseite eines Chorgestühls aus kunstvollst zusammengefügten Hölzern – ein staunenswertes Intarsienbild!! *Botticelli, der über„Maria mit dem Buch“ und ihrem Jesusknaben Heiligenscheine wie figranstes, durchscheinendes Zuckerwerk schweben lässt. Ein Bild mit dem ansprechenden Titel: Madonna mit dem Milchbrei! In Kiki Smith’s Kapelle hörte ich Leute den Heiligen Geist „Friedenstaube“ nennen und sinniere, ob es wohl heute tabu ist, einem Kind gegenüber den Heiligen Geist beim Namen zu nennen?- Hinterher füllte sich die S-Bahn mit Lederhosen und Dirndln. Wir waren froh, in Moosach entfliehen zu können. Auf dem Heimweg Zwischenstopp Borstei.

Samstag eiskalt, in Erwartung von Sturm, Regen und noch mehr Kälte. Heute für morgen ein wenig einkaufen, kochen, backen, saugen; innerlich mit den 10-tausend Dingen schwanger gehen, das Thema bebrüten. Und plötzlich, oh Wunder, ein blauer Streif am Himmel. Die Wolkendecke lichtet sich, wird weiß, reißt auf. – Vereintes Deutschland – zerrissene Welt. Sorge.

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Ein Thema bebrüten ist ein treffender Ausdruck. Schon von deinem Bericht über die beschriebene Teilnehmerin wird mir ganz schwindelig. Vielleicht wars aber für die andere(n) gar nicht so krass wie für dich bzw sie haben sich selbst im Vergleich zu so viel Extremen besser gefühlt. Die Verbindung mit Bine über Theater und Literatur freut mich, eine Basis, auf der ihr euch treffen könnt.

  2. Renate sagt:

    Mir ging fast die Luft aus, als ich die Aufzählung der Themen der „IrrSinnigen“ las. Zu deiner Schwester nach Berlin, eine schöne Gelegenheit sie zu sehen und mit ihr das Stück zu sehen.
    Überall Menschenmassen, selbst in Freising und zum Abschluss Dirndl und Lederhose.

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