2025-10-11-10000 Dinge und soziale Fragen „in echt“ und literarisch – die Welt von Himalaya bis Trump, von Gaza bis Nobel – das fremde Kind und Besuch
Schreibgruppe zu den 10000 Dingen, die mich weiter bewegt. Tomatensuppe, Englischer Kuchen, den ich tagelang weiteresse. Hinterher Neuigkeiten ausgetauscht, auch zu „meinem“ Obdachlosen, ob ich ihm mit meinem Frühstück zu nahegetreten sein könnte – Michael hat sich genau diese Gedanken auch schon gemacht. Die sozialen Klüfte – MIT-Menschen, denen es an allem fehlt, dagegen andere im schieren Überfluss. Welcher Mensch ist wieviel wert? Es gibt Arbeit, die niemand machen will, die kein Ansehen genießt, uns nichts wert ist und mit ihnen die Menschen, die sie für uns verrichten. Es gibt auch Menschen, die man zu nichts gebrauchen kann. Andere bekommen keine Arbeit, weil sie obdachlos und noch schmutziger sind, als die Arbeit, die zu verrichten wäre. Andere kassieren allein für einen Händedruck. Dann Geld, das für sich arbeitet. Ein Ausdruck des Überflusses ist das Geschäft mit Schönheit, Gesundheit, Fitness und Freizeit. Auch mein Gemüt macht mir zu schaffen, das zu Raserei neigt. Habe ich noch alle? Gerechtigkeitsfanatismus wie bei ADHSlern. So war ich schon als Kind. – Die Aussicht auf 36 Atemzüge als gemeinsames Ritual gefällt mir, inspiriert zu Weiterem. Nach der Schreibgruppe ist vor der Schreibgruppe. – Der Zauberberg versetzt uns lesend in Castorps – die Psychoanalyse widerspiegelnde – traum- und tranceartige Zustände. Gerade legt der sich erst zur zweiten Nacht und hat bereits jegliches Zeitgefühl verloren.
Montag Chor nach Sommerpause, vorher Feldenkrais. Die einzige Anstrengung: sich auf die Matte runterlassen und später wieder aufstehen. – Anlässlich der Rettungsaktion im Himalaya googele ich ameisenstraßenartige Schlangen am Gipfel des Mount Everest. Abertausende legen Unsummen hin, um für das Vorhaben zugelassen zu werden. Wie kaputt ist unsere Welt!? Ein schickes Ziel, an das sich nicht nur geübte Extremsportler wagen – ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor. Inzwischen muss man immerhin vorweisen, schonmal wenigstens einen Siebentausender bestiegen zu haben. Die Rettungsaktion mit all den armen menschlichen und tierischen Helfern im Schnee macht mich fassungslos. Die Welt brennt. Kommt da ein Kick incl. Lebensgefahr, bei der sich die Leute gleichzeitig selber filmen und in Echtzeit posten, gerade gelegen? 1/2 Mio Touristen jährlich da oben – geht’s noch? – Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Adel, ausgeprägtem Wohlstand/Überfluss vs. Armut der bäuerlichen Bevölkerung kurz nach Abschaffung der Leibeigenschaft begegnet mir auch bei Tolstoi..
Dienstag Durchhänger. Lesen, schlummern, essen. Martha bringt Äpfelchen – Freude des Tages.
Mittwoch bis Freitag Tagung zum „fremden Kind“. Etliche Vorträge streifen Mignon. Der Professor mit dem für mich ergiebigsten Beitrag hat mir zwei seiner Arbeiten zu dieser Figur gemailt. Zwei Tage Internationale Jugendbibliothek, der dritte im Lyrikkabinett. Erstaunlich dieser Menschenschlag. Nach den Vorträgen werden als „kurze“ Fragen getarnte Co-Referate gehalten, breit eigene Hypothesen ausgeführt. Für mich quälend, zumal ohne Mikrofon aus dem Publikum nach vorn gerichtet. Auf meine entsprechende Bemerkung am Mittagstisch sagt der veranstaltende Professor: im Vergleich zu Historikern seien sie noch harmlos und blieben, seinem Dafürhalten nach, relativ nah am Thema. Dem stimmt alles lachend zu. Die Experten hören sich überaus gern und wie im Zeitraffer reden, wissen schrecklich viel, wollen alles loswerden, wofür die Zeit nie reicht. Vieles zwar hochinteressant, für mich aber arg akademisch; so war es wohl gedacht. Wenig normal Sterbliche als Gäste, die überwiegende Zahl der Teilnehmer selber Veranstalter, Professoren der LMU und anderer Universitäten, ReferentInnen, deren Promotion vollbracht ist oder bevorsteht. Freitags wurde das konzentrierte Zuhören wegen Mikrofonausfalls allzu anstrengend. Ich bin – restlos platt – mittags gegangen.
Michaels Freund Thomas ist übers WE zu Besuch – Michael kocht, backt, ich putze. – Inzwischen Bücher infolge der Tagung und des mittlerweile verliehenen Nobelpreises bestellt. Trump zieht den Flunsch. Er schmollt, weil nicht er den Friedensnobelpreis bekommen hat (nach 1/2 Tag Waffenruhe in Gaza). Wie wird sein Beleidigtsein sich wohl in seiner Politik niederschlagen?
Die Nachrichten über die vielen Touristen auf dem Mount Everest finde ich auch empörend. Die haben da nichts verloren. Dein Gerechtigkeitssinn ist wirklich stark ausgeprägt, aber ich würde nicht von Fanatismus sprechen. Die Tagung zum fremden Kind hatte ich schon wieder vergessen. Bestimmt interessant, aber die als Fragen getarnte Selbstdarstellungen finde ich immer unerträglich. Mit dem Professor hast du dich scheinbar gut verstanden. Trump als Friedensnobelpreisträger würde ihm gut gefallen. Ich hoffe, er wird sich damit auch nächstes Jahr nicht schmücken können.