2025-10-19-Zauberberg, Anna Karenina + KI – Café Nini, Polling + peinliche Lesung – Erkältungsanflug + Beate

Sonntag. Ich lasse die Männer wandern und mich selbst hängen. Benelisas Atelier und andere Kultüren sowie SingSang im Kreativquartier sausenlassen. Bauchweh, Leseexzess. Bei Anna Karenina begegnet mir, was mich ohnehin erhitzt: Soziales Gefälle, „Salonschwachsinn“, „Toilettemachen“, Luxus, dem der Adel auch dann frönt, wenn er verschuldet ist, Reisen zur Vertreibung unendlicher Langeweile. Glaube, Gott, die Jagd, Liebe, Wahnsinn, eine Geburt (diese Nähe zum Sterben!). Beide Bücher haben insgesamt acht Teile á jeweils 30-33 Kapitel. Anna Karenina hat ihrem Leben bereits ein Ende gesetzt. – Ich versuche, mich vor Verwirrung durch gleichzeitiges, im anderen Fall gemeinsames, Lesen des Zauberbergs zu schützen. Je nachdem, wie ich Fragen stelle, gibt die KI zuweilen regelrecht falsche Antworten. So scheitert die Beziehung zwischen Lewin und Kity nicht, worauf ich immerzu warte, sondern Lewin findet zu Gott. Anna wird nicht vor den Zug gestoßen, sondern wirft sich selber davor. Falsche Erwartungen und die Unmöglichkeit, sich auf ein Ende einzustellen durch das Fehlen von Seitenzahlen – doof! Zudem öffnet die Möglichkeit, bei Gutenberg jederzeit auf alles zugreifen zu können, meinem Suchtverhalten Tür und Tor. Es verleitet mich zu unverarbeitetem Verschlingen. Hier noch ein Happen Dostojewski, da ein Happen Puschkin.

Montag letztes Frühstück mit Thomas – welch angenehmer Gast! Feldenkrais (ich höre schlecht die Anweisungen, liege auf dem Hörgerät, hinterher Nackenstarre). Chor. Aetas – 1. Absage wegen frühgeborenen Enkels und Reise zur Tochter; 2. wegen kurzfristig aufflammender Erkältung; eine andere kommt angeschlagen. Infolgedessen (?) anhaltender nächtlicher Husten, tags drauf Schnupfen – ohne Krankheitsgefühl. Susa aus Köln, meine Kommilitonin aus der ASH, wollte anreisen, liegt seit einer Woche darnieder und muss abblasen. Statt Besuch ein inspirierendes und lustiges Telefonat.

Mittwoch nochmal Borstei, Collagen ansehen, Café Nini mit Gabriele. – Donnerstag Dr. Faustus-Weg. Schon lange habe ich mir das gewünscht. Der Tag trüb, die Sonne noch später als angekündigt, der Weg teilweise über Wald und Feld, teilweise an Straße oder Bahnschiene entlang. Der Bezug der Texttafeln zwischen Romanfiguren und Land- und Ortschaft nicht immer erkennbar; anfangs die Wegführung nicht klar. Meine Dr. Faustus-Lektüre liegt in den ersten Hospizwochen. In dieser charakteristischen Sprache gerade ohnehin unterwegs, ist dieser Weg ein hübsches Ziel, ein paar Kühe, beeindruckender Klosterbau und Dorfkern wie vor hundert Jahren. Leider haben wir die Öffnungszeit der Klosterwirtschaft verpasst. Die Hinfahrt annähernd zwei Stunden, zurück länger, da der Bus nur stündlich fährt und gerade weg war. In Weilheim wieder Wartezeit bzw der Zug so voll, dass wir den nächsten eine halbe Stunde später nahmen. Ein schöner Ausflug, aber kein Muss. Hinterher deftige Einkehr im Gerners.

Samstag Chorkonzert in St. Laurentius mit Martha. Dann Richtung Schwabing zur Lesung einer Schreibgruppe, wohin mich eine meiner Teilnehmerinnen eingeladen hat. Netter Raum (La Cantina, winzige Bühne zwischen Flohmarkt, Kruschtelkram und Süßzeugs). Diese Kostprobe teilweise schwer bekömmlich. Ein Mann durfte Texte von belastender Hässlichkeit, Krieg und blutschlürfendem Hund vorlesen; langatmige „Kurzgeschichten“, an die man angesichts von Öffentlichkeit zugunsten gewisser Stringenz den Rotstift hätte ansetzen müssen; Lyrik voll von Füllwörtern und Phrasen … im Kontrast dazu war M. der Star. Ich saß in einer Konstellation ihrer Freundinnen; eine kam mir bekannt vor – sie kam bald darauf woher. Ich fühlte mich deutlich in meiner Vorgehensweise bestätigt, habe den Abend wie die Kehrseite einer guten Möglichkeit erlebt und war teilweise peinlich berührt.

Sonntag schweres, teures, schlechtes Kirchweihpfanderl – schade! Danach Beates Besuch zu Kaffee mit angeregtem Gespräch.

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4 Antworten

  1. Beate sagt:

    Schreib- und Lesegruppen gibt es so manche. Ich habe vor Kurzem auch mit einer Frau gesprochen, die mich ausquetschen wollte, was man so machen kann. Habe mich bedeckt gehalten und herausgefunden dass sie eine Schreibgruppe leitet. Sie ist sicher nicht die Einzige, die sich trotz mangelndem Wissen und Erfahrung aufgerufen fühlt, es zu können

    • Heike sagt:

      Leider sprichst du mir aus dem Herzen. Die Frau am Samstag konnte schon was, aber anhand ihrer homepage habe ich immerhin gesehen, dass sie das nicht gelernt hat. Die TNinnen machen das bei ihr sicher mit Freuden, aber es gibt erkennbar keinerlei Zeitbegrenzungen, keinerlei Plan auch zu ihrem „Schutz“, es darf auf Papier drauflos gelabert werden, auch Negativschleifen tun weder dem Schreibenden noch den Zuhörern gut, eine Lesung ist kein Ort für ungefilterte Versuche. Insofern ist das für mich wenig erbaulich gewesen. Ich würde behaupten, dass ich noch nie in einer Gruppe so wenig prägnante, auch langweilige Texte gehört habe, auch nicht von Frauen, die von sich sagen, noch nie geschrieben zu haben. Das gilt nur für einen Teil der Texte, es war schon auf Pfiffiges dabei. Aber eben auch „Kurzgeschichten“, die keine waren, eine deprimierende und fade Zusammenfassung aus einer Zeitung, die nur aus Mord-und-Totschlag bestand, ohne Pfiff, Witz und Geist, ein junger Mann, der sich in seinen Kurzgeschichten – ich fürchte, ohne sich dessen bewusst zu sein – total entblößt hat… irgendwie furchtabr. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Aber tatsächlich kann man solche Gruppen sehr unterschiedlich gestalten und sicher machen es auch meine Studienkollegoinnjen ganz unterschiedlich. Nur bin ich da ganz und gar intolerant. Gerade eine Kurzgeschichte hat Regeln, ist eine Kunstform für sich und es gibt no goes, die sollte man kennen. Am meisten hat die Zeitbegrenzung beim Schreiben gefehlt, so glaube ich, gespürt zu haben, insofern wurde sehr stark ausgeholt vom Krimi bis zur Lebensgeschichte.

  2. Ines sagt:

    Dass du dein exzessiven Lesen als Sucht bezeichnest, ist interessant. Ob hier wirklich die Kriterien für Sucht zutreffen? Oder ist es eher eine leidenschaftliche Beschäftigung? Ganz schön viel Krankheit auch in deinem Umfeld, wobei du dich wacker hältst. Ich kenne zwar nur deine Vorgehensweise bei Schreibgruppen, glaube aber auch ohne Vergleich, dass dein Konzept und deine Art viel besser sind als bei anderen.

  3. Renate sagt:

    Ich glaube auch dass es große Qualitätsunterschiede bei Schreibgruppen gibt. Interessiert daran sind viele Menschen. Den flyer des Doktor-Faustus-Weges habe ich, nur gegangen bin ich den Weg noch nicht. Kein Muss also.

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