2026-10-17 – Poesie statt Psychotherapie? – Thomas, Tolstoi, Christine, kleine Rose, Schreibgruppe und Liobaspezial
Poesie und Literatur „nicht wie Psychotherapie“ – würde ich nicht bestätigen. Immerhin kann ich lesend und schreibend in Anteile meiner Persönlichkeit hineinleuchten, auf die im therapeutischen Gespräch noch nie ein Lichtstrahl gefallen ist. Keiner kann spiegeln, was er nicht selbst in sich hat, schon gar nicht die verschiedenen, widersprüchlichen Anteile. Allenfalls wäre das bei mir „GRUPPE“ – darauf hätte ich viel früher im Leben kommen sollen! Meine Mutter, fällt mir ein, sagte schon früh zu mir, EIN MANN allein werden für mich nie genügen. Damit meinte sie vermutlich meine verschiedenen Gesichter und Neigungen, die „Seelen in meiner Brust“, die sie sah, was ich ihr hoch anrechne. Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich nicht nur die eine bin! Manchmal höre ich junge Mädchen reden wie: „Ich bin jemand, der (!), seltener „die“….und dann kommt eine Charakteristik. Immer frage ich mich dann, woher sie das so genau wissen wollen. Ob das Gegenüber sie gerade erst kennenlernt? All die Anteile sind oft nicht in lebenden Gegenübern zu finden – im Glücksfall verteilt auf verschiedene, sei es im freundschaftlichen Kontakt, sei es im feindlichen. Dagegen aber in Hülle und Fülle in der Literatur. In welcher Therapie sprächen Therapeut*innen die Sprache, nach der ich mich sehne und die ich allenfalls im Gedicht wiederfinde? Welcher Therapeut würde sich nicht an das halten, was ich sage und zeige? Was aber mit all dem Ungesagtem, Unsagbaren, Unsäglichen?
Die Woche streicht dahin. Ich lese wenig. Habe am Montag meinen geliebten Thomas endlich wieder getroffen. Im Myshkin gibt es nicht mehr die Gemüseplatte. Wir hatten „Pinsa“ – für mich ganz neu und toll! Dienstag nix, Mittwoch Tolstoi. Ich hatte vorverlegen müssen, weil die Bibliothek den Raum ausnahmsweise hinterher teuer vermieten konnte. Das wurde abgesagt. So habe ich kurzfristig auf 15:00 zurückverlegt. Konnte ich ahnen, dass all diese Menschen dermaßen vielbeschäftigt und längst anderweitig verplant sind? Aufgrund der Verschiebung, aber auch aus anderen Gründen, wurde massenhaft abgesagt; zuletzt wegen Krankheit – so auch Renate! Ich musste fürchten, mit Susanne allein dazustehen – worauf wir uns gefasst machten. Dann aber kam eine TNin, die nie antwortet, wenn ich in die Gruppe schreibe. Dazu zwei „Neuzugänge“: Einer suchte einen russischsprachigen Kreis, daher einmalig; eine Schülerin, sehr aufgeweckt und aufgeschlossen. So waren wir immerhin fünf.
Am Donnerstag musste Michael nochmal nach Hamburg. Nachdem ich viel Zeit mit dem Handy vertrödelt hatte nahm ich Kontakt mit jemandem auf, mit der ich nach mehrmaligen Zufallsbegegnungen längst einen Aperol am Kiosk getrunken haben wollte. So haben wir uns aus dem Stand auf einen Kaffee im Tribeca verabredet, was sehr anregend wurde.
Freitag. Der „kleine Rosenkreis“ bei Winni zum Nachgeburtstag – sehr nett, mit Apfeltarte, Tee und köstlchem Essen bewirtet, lebhafte Gespräche. Alles ausgesucht geschmackvoll – Winni arbeitet im Auktionshaus. So haben etliche Schätze zu ihm gefunden, was sich in jedem einzelnen Gebrauchsgegenstand, im Mobiliar und im Wandschmuck niederschlägt. – Samstag Schreibgruppe bei Alexandra, in der Vorbereitung herausfordernd, da scheinbar unvereinbare große Themen unter einen Hut zu bringen sind. Jetzt liegt das bereits hinter mir – und es war sehr fruchtbar. – Sonntag, lang geplant, auch vorgefreut, lassen wir unsere Gruppe ausfallen. Jede Anfechtung auf meine Lunge wächst sich zunehmend bedrohlich aus. Diesbezüglich vorgeschädigt lasse ich es ungern drauf ankommen.
Unterdessen erwachte dieser Tage bei Sonnenschein eine neue Population von Stinkwanzen und Marienkäfern zu neuem Leben – sobald es eintrübt ist das vorbei. Auf dem Heimweg heute Trambahnausfälle – so komme ich zu spät, um Heike B. die nötigen Bachblüten auszuhändigen, was Michael übernimmt, treffe aber unterwegs Lioba, die mir die Fahrt aufs unterhaltsamste versüßt. Werde mit einem herrlichen verspäteten Mittagessen empfangen und lege mich jetzt hin – körperlich weniger wohl als seelisch.
Für mich hört sich deine Woche prall gefüllt an mit Gruppen, Verabredungen und sogar Zufallsbegegnungen. Das passt der Ausdruck „die Woche streicht dahin“ gar nicht so richtig, aber der Tag hat ja viele Stunden und in den Stunden, wo nichts geplant ist, kann es einem schon so vorkommen. Sehr bedauerlich, dass wir uns heute nicht treffen können. Gut dass du auf deine Gesundheit Acht gibst, allerdings wird das im Herbst und Winter eine Herausforderung. Gerade sind schon wieder viele Menschen in meinem Umfeld krank.
Wohnen nicht in jeder Brust mehrere Seelen? Vom kleinen Rosenkreis, ins Prinz Myshkin, zu Thomas, über Tolstoi und eine Schreibgruppe, unsere musste leider ausfallen, war es doch eine beachtliche Menge an Begegnungen.
Bestimmt in jeder Brust – dennoch hört man viele Menschen sich selbst beschreiben, als wüssten sie ganz genau, wer sie sind.