2026-11-08-Nach Allerheiligen – Karamasow, Oblomow, Goethe – Ruffinigespräche, Oma Renate und ein Ärgernis – Jakob und Anna

Nach dem Blog ist vor dem Blog. Ines fragt Renate, ob Allerheiligen Pflicht oder Bedürfnis ist. Für mich beides. Es ist mir einerseits verhasst wegen der spießigen Gestaltung, des Zwangs, der Bigotterie zeitgleich mit der Abzocke der Stadt, die nur für diesen Tag Halteverbotsschilder am Friedhof aufstellt, um tausende von Strafzetteln auszuteilen – andrerseits rührt es mich an. „Allerseelen“ – ein schönes Wort, das nachdenklich macht. Nichtbeachten ist keine Option – schlechtes Gewissen bei einer „guten Katholikin“ immer im Spiel. Birgitta grüßt mich von der ehemaligen Kindergärtnerin; die sah über längere Zeit das vernachlässigte Grab und machte sich Gedanken, ob mir etwas passiert sei. Ein verwaistes Grab wirft Fragen auf.

Mo. Mit Michael Oblomow begonnen. Ergreift dessen sprichwörtlich gewordene Lethargie Besitz von uns? Oder kämpfe ich gegen Michaels Viren? Mehrmals überwältigen mich Schlaforgien. – Es geht faul weiter. Teil 1 Karamasow beendet. Ausgiebiges Telefonat mit Renate im Zuge einer Recherche zur bei Dostojewski häufigen Anrede „Täubchen“. Nachmittags Jana im Ruffini – was mich beglückt und ehrt. – Mittwoch amselben Ort, sogar amselben Platz: Birgitta. Je nach Gegenüber unterschiedliche Welten. –  Derzeit gucke ich abends regelmäßig exzessiv fern. Alles scheint wichtig. Am Mittwoch jährte sich das legendäre, herzergreifende Konzert nach dem Mauerfall. Sendungen zur Wahl in USA, zu Aiwangers plötzlichem Tod, der betroffen macht, auch wenn man ihn zeitlebens als Witzfigur wahrgenommen hat. Ein Reporter hatte einen peinlichen Versprecher von Aiwangers „Abflug“ im Rahmen einer ernsten, sachlichen Sendung incl. Würdigung. – Donnerstag Anruf von Otti. Renates Mann ist nach Sturz mit Hüftbruch im Krankenhaus, Renate total durcheinander, hat es nur durch einen „Zettel auf dem Tisch“ erfahren – womöglich hat sie selbst den Hausmeister gerufen? Seitdem gehe ich allabendlich hin – sie weiß nicht ein und aus. Wahnsinnig wirr. Mittlerweile leicht gebessert, auch wenn sie – laut Otti, die immer anruft – fünf Minuten später nicht mehr weiß, dass jemand da war. Einmal fand dieser Anruf in meinem Beisein statt. Da war ich „eine Nachbarin“, die gerade da ist. Glaubt, ihr Mann sei „abgehauen“, glaubt, ich spräche von einem anderen Paul. – Herr Diemer. – Jakob wollte kommen, es wird geschoben und getaktet. Innerhalb der wenigen verfügbaren Tage soll er sich nicht zwischen Fuggers und München zerreißen. So fahren wir am Samstag nach Augsburg, treffen Jakob und Anna auf ein (miserables) Mittagessen in der schönen Fuggerei. Gesprächsintensive, wenn auch begrenzte gemeinsame Zeit. – In „Angelica Kauffmann und Goethe“ gelesen. Selbst Goethe schildert die unüberwindliche Diskrepanz zwischen dem inneren Italien, dem Sehnsuchtsort, und der rohen Realität, störanfällig bis hin zum eigenen Befinden. Ich finde diese „meine“ Wahrnehmung nur in meinen Lektüren. Schon Basho beschreibt das massenhafte Begaffen der Kirschblüte vor bald vierhundert Jahren; Kleist im für ihn unerträglichen Paris (beides habe ich sicher schon x-mal geschrieben!); jetzt Goethe in seiner berühmten „Italienreise“. Natürlich ist es so eher in Briefen/ Notizen zu finden, nicht in der verklärten, verewigten Version innerhalb von „Dichtung und Wahrheit“. – Gianna Nannini schreibt nach dem Thriatlon („wie eine Geburt“), sie sei geradezu davon „besessen von der Vorstellung, sich wohlzufühlen“ – 72- jährig. Gefällt mir. – Mittwoch geimpft. Armschmerzen. Kommt jetzt tatsächlich noch ein Infekt hinterher – wie bei Michael nach der Impfung? Nachts sehr gehustet. Fühlt sich sch… an. Hoffentlich nur eine Impfreaktion! Der letzte Infekt ist wenige Wochen her. – Ich bin noch gründlich verstimmt von Bettinas Analysen meiner „Probleme mit Nähe“ – leider (impulsiv) sofort darauf eingestiegen. Wie es mich nervt. Sie arbeitet heraus, ich sei nur an „Themen“ interessiert, nicht an Menschen. Wie ich das denn überhaupt im Beruf gemacht hätte. Ob ich überhaupt zu Freundschaft fähig sei. Sie ist mutterseelenallein, hat nur einen „Freund“, den sie hasst und verachtet. Sitzt zu Hause, um mir und meinen Störungen hinterher zu forschen und der schönen Zeit nachzutrauern, in der sie von mir mit Essen und Gespräch versorgt wurde. – Sonntag. Ruhetag.

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