2026-06-20- Oh Gott, der Fuß – Ehemaligentreff – Un-Geburtstag mit Rosenmeer + Post – Schreiben zur Mittagsstunde – eine besondere Einladung: Lillis Taufe
Sonntag vierter Tag im Haus. Der Fuß atmet auf. Ich bin (vom neuen Medikament?) sehr müde, aber nicht mehr betäubt, kein Herzrasen. – Salbenumschläge, Eispakete. Leseexzess. Kreutzersonate. Im November hatte ich sie weggelegt: unerträglich. Liegt es daran, dass ich inzwischen viel von und noch mehr über Tolstoi gelesen habe? Oder an dieser Übersetzung? Jedenfalls fand ich es diesmal packend. Rein zum „Genießen“ ist nichts bei Tolstoi. Damals sollte die Kreutzersonate zunächst der Zensur zum Opfer fallen – mit illustrem Nachspiel. Eine Novelle, die Liebe, Ehe, Elternschaft einer Gereralverurteilung unterzieht und im Mord endet. Keine Zeile überflüssig, genial komponiert. Derzeit gilt es, die Folgelektüre nach Iwan Iljitsch anzubahnen und verschiedene „relevante“ Möglichkeiten zur Auswahl vorzubereiten. – Mit Michael bin ich in Colm Coíbíns „Zauberer“, der durch die Mann-Familie, gerade spziell durch die Räterepublik führt. Anregende Lesestunden – ich hatte das aus Verpflichtung angefangen, nachdem Alexandra es uns auf „unseren“ Zauberberg hin geschenkt hatte. – „Resonanz auf Beates Resonanz“ – auch wir greifen auf ein reichhaltiges Depot zurück, das unser Zusammenleben begleitet, untermalt, bereichert.
Chor. Eine Wohltat trotz Enttäuschung, dass nach viertägiger Ruhe der Fuß sofort wieder schreit. Anruf von Ingrid, die mich zu ihrem und Christianes Hospiz-Abschied einlädt, persönlich, eindringlich. Ich fühle mich gemeint und freue mich von Herzen. Könnte es eine Chance sein? – Aetas – ein wohltuender, poetischer Abend. Danach mit Michi im Gerners. Uns noch „was Gutes“ tun: leidlich gegessen in Rauschschwaden vom Nebentisch.
Dienstag. Michi unterwegs nach Hamburg. Telefonat mit Renate. – Wieder ein fauler Tag. Gertrud schickt den Hinweis auf ihr soeben erschienenes Buch. Jetzt Tolstois „Familienglück“. Eine Erzählung von magischer Prophetie aus der Perspektive eines 17-jährigen Mädchens, der Ich-Erzählerin, das ihren Vormund heiratet. Nicht zu fassen, dass Tolstoi diese Geschichte als Endzwanziger schreibt, Jahre vor seiner Ehe. Kehrseite zur Kreuzersonate. Auch „Familienglück“ fasse ich auf dem Hintergrund seiner Biografie neu auf.
Mittwoch. 2. Vitamin B12 -Spritze für die Nerven. Auf dem Hinweg nur einmal absteigen, auf dem Rückweg gar nicht. Ich bremse, bis ich fast stehe auf die Gefahr hin, umzukrachen. Nur nicht abspringen. Aufsteigen ein Kunststück, aua. Treten geht einigermaßen. – In der Küche etwas für den Stammtisch vorbereitet. Telefonate mit Michi. Bei Reinhard Komplikationen, Norovirus, Blasenentzündung, Herzinsuffizienz sowieso, Verlegung ins Pflegeheim von Montag auf Freitag und jetzt auf nächste Woche vertagt.
Donnerstag Ehemaligentreff in Friedels gastlichem Haus mit herrlichem Garten, lauer Sommerabend bei Sichelmond. Opulente Bewirtung dank der warmherzigen Gastgeber und aller Beiträge. Marina chauffiert mich. Wer immer schon rechthaberisch war, ist es jetzt bis ins Groteske. Wer immer schon alles wissen musste, weiß jetzt noch mehr, das Ohr stellt sich geradezu sichtbar auf. – Un-Geburtstag. Beate kommt mit malvenfarbenem Prachtrosenstock im Buggy mit Lilli, die kräht und im Spagat am großen Zeh kaut. – Treffen mit Susanne endet mit dem Anflug eines Schwächeanfalls; sie lässt mich erst in greifbarer Bettnähe wieder allein. Herrliche Wildrosen. Von Chornacht keine Rede mehr. Aber nach etlichen Ruhestunden rappele ich mich auf – inzwischen liegt Beate platt. Stattdessen kreuzt Ines auf. Wir trinken danach noch ein erfrischendes Bier bei äußerst freundlichen Vietnamesen – das erste nach zehn Jahren? Durch ein paar Wege zuviel halten mich quälende Fuß- und Beinschmerzen nachts wach. – Samstag früh raus, ohje! „Ängste und Zuversicht zur Mittagsstunde des Lebens“ bei Dasein. Alles ist mit Haut und Haar bei der Sache. Alle helfen aufräumen, sodass ich pünktlich zu Lillis Taufe erscheine. Nach dreizehn (?) Jahren Eiszeit empfängt mich Alina herzlich, alles geht leicht. Die Taufe ergreifend, nachher dolles Büffet bei Rigoletto, aufgeschlossene Tischgemeinschaft mit Jung und Alt, tiefsiniger Austausch mit Alina, auch Janni; Berhard; Lorenz und seine Melisa immer um mich herum. Lorenz legt seinen Arm um mich und sagt „meine Patin.“ Vor allem aber habe ich Beate als Mittelpunkt ihrer besonderen Familienkonstellation erlebt, als kompetentes Oberhaupt eines Clans mit ganz eigenen Regeln. Das war schön! Beate und ihre Töchter. Heute als Königinmutter.
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