2026-09-29- Lange weite Reise – Helga, Christel, Poesie- + Bibliotherapeuten – Wiedersehen mit Susa Kieselstein und ernüchternde DB

Wieder daheim. Mehrere ruckelnde, mehr stehende als fahrende Züge (Ausfall, Anschluss verpasst – mal Gegenstände auf den Gleisen, mal Personen, Stau wegen hohen Verkehrsaufkommens, Polizeieinsatz) haben uns um gefühlte „STUNDEN“ (real nur 1,5) verspätet, heimgebracht. Auf der Hinreise spürte ich wieder, ich sollte gar nicht wegfahren. Jetzt aber liegen erfüllte Tage hinter mir.

Aufbruch Donnerstag mit einem Koffer und einem Material-Rolli als hätte ich Steine gepackt. Gottlob schleppt Michael geduldig. Zuerst zu Helga, seiner verwitweten Patentante und Cousine, alleinlebend mit Katze im Haus mit viel Platz. Wie die meisten seiner Verwandtschaft offen und herzlich. Am nächsten Tag holte uns Christel (Inbegriff der rheinischen Frohnatur!), Michaels alte Kölner Kollegin und Freundin, in Stommeln ab. Nette Landpartie mit etwas Sightseeing, wofür mir angesichts leiser Anspannung das wirkliche Interesse fehlte, das ich natürlich vortäuschte. Innerlich war ich schon einen Schritt voraus. Wir besuchten auch das Grab ihres Mannes, den wir, v.a. Michael, sehr gemocht hatten – ein wichtiger Mensch. Einkehr in einer besonderen Molkerei in der Nähe irgendeines Klosters (Altenberg?). Dann wurde ich in Hückeswagen abgeliefert.

Den Blick aus der Tagungsstätte habe ich euch geschickt. Gleich am Empfang begegnete mir die „Chefin“. Ich hätte – wie sie – nur 11 Teilnehmer, sollte einen anderen Raum bekommen ohne Tische, auf die ich fest eingestellt war. Mein Konzept war auf Kleingruppen ausgerichtet, da ich auf Nachfrage mit 20 Personen plus gerechnet hatte. Raum gesichtet. Am nächsten Morgen auf elf TN*innen eingerichtet, Mitte (statt Stationen) vorbereitet. Als ich anfing waren es dann doch plötzlich 19. Dieses mehrfache Umdenken von Plenum auf Kleingruppe, Stuhlkreis statt Gruppenstationen, Kladden für das Schreiben auf dem Schoß, die dann wohl doch jemand anders für die eigene Gruppe rausgeholt haben muss, hat mir einige Flexibilität abgefordert. Dennoch war es dann der Knaller. Gutes Feedback, etliche, die nicht teilgenommen hatten, sprachen mich in der Folge an, auch die Organisatorin, sie habe viele begeisterte Stimmen gehört. Das ist natürlich toll für mich! In dem Moment, wo man selber etwas anbietet, wachsen einem leicht gute Gespräche zu, man wird „interessanter“ für die anderen, sie kommen von selber. Ich habe mich infolgedessen insgesamt wohler gefühlt.

Nachmittags ein anderer Workshop – etwas betulich und langweilig, gefühlt erstes Semester Selbsterfahrung im Studium, hat einigen Widerstand in mir ausgelöst (den ich mir genehmige). Dennoch eine Erfahrung, zumal die Referentin mit zum Vorstand gehört und die Gesellschaft irgendwie „verkörpert“. – 1. Abend Lesung Thomas Hettche. 2. Abend Kinderbuchvorstellung zum Tagungsthema einer Buchhändlerin, die auch aus dieser Spezies der Poesietherapeutinnen kommt und dort traditionell ihren Büchertisch aufstellt – ganz fantastische „Performance“! Wie sie brannte! Wie sie freudig war! Wie sie in ihrer Materie zuhause war – nicht das „Übergespürige“, sondern ein Mensch aus Fleich und Blut! Sonntag Vormittag Vortrag Hilarion Petzold – Pionier der Bewegung, Mitgegründer des Fritz-Pearls-Instituts – eine Institution.

Ganz besonders mein Wiedersehen mit Susa, meiner ASH-Studienkollegin aus der Puppenspielerfamilie Kieselstein. Mit ihr fuhr ich sonntags nach Köln, worauf ich mich ja normal NIE einlassen würde – Übernachtungsbesuch ohne Fluchtmöglichkeit. Sie aber hatte sich 100% auf mich eingestellt. Ich sah kein Entrinnen. Wir haben dann abzüglich der Nachtruhe 24 Stunden durchgequatscht. Sie hat im April ziemlich plötzlich ihren Mann verloren, so ist ihr Zuhause auch ein Trauerhaus. Es kam das ganze Leben, Lachen UND Tränen, Essen, Poesie, Literatur und Schrift zur Sprache, bei ihr auch immer das Puppenspiel und die Kultur – ihr beruflicher Werdegang. Es war wundervoll, ein sensationelles Miteinander.

Zuletzt hatte ich das Gefühl, eine lange, weite Reise gemacht zu haben. Unterwegs durchs Land fand ich bestätigt, wieweit die Poesie die Realität überflügelt. So grau und fad der Rhein – wieviel zauberhafter, wenn Michael die Lorelei rezitiert. Da ich aber unter Sprachliebenden war und die menschliche Begegnung durch nichts – auch kein Buch – ersetzt werden kann, bin ich glücklich und zufrieden. – Jetzt auspacken. Nachmittags wartet Wilhelm Meister bei Lioba.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

5 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Ich hatte ganz vergessen, dass du auf der Tagung selber einen Workshop anbietest. Glückwunsch, das scheint ja trotz des Hin und Hers richtig gut gewesen zu sein. Jetzt wollen die dich sicher öfter bei vergleichbaren Tagungen haben. Gut, dass du deine Widerstände gegen das Reisen abgelegt hast. So viele interessante und lebendige Begegnungen hattest du.

    • Heike sagt:

      Widerstände gegen das Reisen abgelegt? Keineswegs! Es ist nur diesmal geglückt nach anfänglichen Qualen. Und „VERGESSEN“…du bist ja gut! Hatte ich nicht das ganze Jahr schon davon gesprochen? Ist ja herrlich…

  2. Beate sagt:

    …und der Anfang war das fröhliche Krankenzimmer- daran erinnert mich „die Mischung“ die du beschreibst. Dass dein eigener Workshop so erfolgreich war, wundert mich gar nicht. Da fällt mir das Wort „kongenial“ ein, das wir bei Katrin Arnold so belächelt haben, passt aber, wenn sorgfältige Vorbereitung und Aufmerksamkeit der Gruppe gegenüber, die da beisammen ist, zusammentreffen. Die geduldeten Reisequalen wiegen da einiges auf und wie schön, dass Michael so aufmerksam an Deiner Seite ist!

    • Heike sagt:

      ..du hast recht. Diese Tagungen damals waren wichtige Bausteine und stimmt, da fiel das Wort „kongenial“! Ich wusste nicht mehr, dass wir das belächelt hatten.

  3. Renate sagt:

    Flexibilität war gefragt und du hast es mit Bravour geschafft, dich auf die neue Situation einzustellen, auf der Tagung und auch beim Besuch deiner Studienkollegin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert